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WIE KANN ICH HELFEN > Jahresbericht

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Ein Jahr bei Concordia

Die prägendsten Erlebnisse sind immer die Personen, die einem begegnen, ein Stück begleiten und wieder verlassen.

Eigentlich bedeutet die Arbeit im "Cabinetul medical", also Krankenzimmer, dass man sich den ganzen Tag beschimpfen lassen muss, weil man die Medikamente, die die Jugendlichen mit ihren schwarzen Löchern im Mund, den Fußpilzen oder Krätze, Aurolac-Husten und entzündeten Ritzwunden fordern, entweder nicht hat oder ihnen nicht gibt, weil viele einfach nur an Aufmerksamkeitsdefizit leiden.

Aber langsam und unterbewusst baut man sehr vertraute und tiefe Beziehungen zu den Stammkunden auf, indem man ihnen so nahe kommt und täglich neben dem Einreiben und Verbinden der äußerlichen Wunden noch versucht, an die seelischen Verletzungen heranzukommen.

Ionela täuscht vor, schwanger zu sein, weil sie ihren Freund nur so davon abhalten kann, sie mit den Füßen in den Bauch zu schlagen. Aber ich soll es bloß niemand sagen.

Eigentlich ist sie eine kräftige und lebensfrohe hübsche Zigeunerin, die von den anderen im Haus angesehen ist und abends in der Disko zum Star aufblüht, weil sie bauchtanzen kann wie kaum jemand. An diesen demütigenden, aber üblichen Umgangsformen in einer Beziehung etwas zu ändern, versucht sie aber gar nicht erst, was mich sehr geschockt hat.

Wenn nicht am Bauch, hat sie die blauen Flecken halt im Gesicht.

Gentuta schafft es immer wieder, die Beruhigungstabletten, die ich ihr schon extra auf die Zunge lege, doch nicht zu schlucken und zu sammeln. Dann nimmt sie ganz viele auf einmal, um zu sterben oder zumindest wieder ohnmächtig zusammenzuklappen und besorgte Aufmerksamkeit zu bekommen. Sie hat auch mit Abstand die zerklüftetsten Arme vom vielen Ritzen. Die Schmerzen, die die dick angeschwollenen Wunden ihr jetzt bereiten, halten sie aber nicht davon ab, es wieder zu tun. "Ich bin halt verrückt! Hab schwache Nerven!", ein vernünftiges Gespräch ist nicht möglich. Bei ihr kann man auch die Ritzer-Strafe - die Schnittwunden nicht zu verbinden - nicht anwenden, weil die Schnitte zu tief sind.

Sie ist 28, hat ihren Arbeitsplatz in der Kerzenwerkstatt verloren und niemand will sie mehr, worin sie sich jetzt verkriecht.

Macarena kommt immer von der Straße zurück, wenn die Drogen wieder eine Weile reichen, und bringt einen schrecklichen Fußpilz mit. Sie kann kaum laufen, die angeschwollenen Füße schmerzen und passen nicht in die durchnässten und löchrigen Schuhe. Sie jammert wie ein dreijähriges Kind und will den ganzen Abend auf dem Krankenbett sitzen bleiben, die verquollenen Füße jetzt eingerieben von sich gestreckt. Dann erzählt sie mir, sie wäre gerade wieder in Frankreich gewesen, wo sie ihren Vater, Michael Jackson, getroffen habe. Er habe ihr neue Kleider gekauft und sie habe 3 Tage nur gegessen!

Ihr ausgehöhltes Gesicht und der Aurolac-Atem strafen sie Lügen. Ich höre trotzdem zu.

Wenn die Füße wieder etwas abgeheilt sind, verschwindet sie schnell wieder auf die Straße, weil sie sich einfach nicht an das Tagesprogramm und die Regeln gewöhnen kann.

Hinter ihre richtige Geschichte bin ich nie gekommen. Ich habe nur an ihren Reaktionen auf einfache Berührungen von Jungs und aus Kommentaren ihrer Straßenkolleginnen geschlossen, dass sie wohl schlimme Erfahrungen mit Prostitution haben muss. Sie spielt aber die Rolle der Michael-Jackson-Tochter ausgezeichnet, betet in der Kapelle für ihre "Familie in Amerika", tanzt genau wie der Popstar, erzählt von seinen vielen Operationen und den schrecklichen Missverständnissen, die es jetzt um ihn gab. Sie schreibt mir Briefe, die ich an "Geni Genzon" (=Janet Jackson) weitergeben soll, in denen sie ihre Familie grüßt und um Geld bittet. Und andere, wohl von Janet Jackson an mich, in denen sie bittet, ich solle gut auf Michael Jacksons Tochter aufpassen, sie nicht wieder aus dem Kinderheim gehen lassen und ihr alle Fehler verzeihen. Das alles sind Zeichen ihrer Sprachlosigkeit und der Hilflosigkeit angesichts ihres Lebens, ihrer Geschichte, die sie völlig verdrängt, genauso wie ihre 22 Jahre.

Beißen und jammern zu können wie eine Dreijährige, ist viel angenehmer. Jetzt ist sie schon lange nicht mehr gekommen. Ich konnte mich nicht von ihr verabschieden und bin sehr traurig, weil sie mir trotz ihrer Rätselhaftigkeit sehr verbunden war.

Im April haben wir das " Lazart" gegründet, ein Kunstatelier als Alternative zum Sportprogramm. Nach den ersten Wochen hatte ich dort bald mehr Nachfrage als ich wollte, alle Mädchen, die unsportlichen Jungs und kleinere Kinder stürmten das Zimmer und oft wurde mehr zerrissen, zerkritzelt, zerknüllt, aus dem Fenster geworfen oder einfach mal das fragwürdige eigene Werk mit Klebstoff an die Wand geklebt - als wirklich kreativ zu sein.

Diejenigen, die aber immer wieder kamen und auch nach der Stunde nicht den Stift weglegen wollten, haben mich echt erstaunt:

Florinas , der 12-jährige klein gebliebene Zigeuner, der gerne alle Erzieher terrorisiert, beißt, kratzt und rauft, überall da ist, wo er nicht sein soll, und einen unglaublichen Schimpfwörterwortschatz besitzt - er wird zum ruhigen, hilfsbereiten und reife Fragen stellenden Jugendlichen, wenn man ihm ein bisschen Aufmerksamkeit und eine besonders schwere Aufgabe zu malen gibt. Stundenlang sitzt er ohne zu reden da, in seinen Bildern merkt man die anfängliche Aggressivität mit dicken Strichen, die schnell zu einer zarten, genauen, ausgezeichnet beobachteten und tiefen Zeichnung wird. Zwei Tage ohne Malen und er fällt wieder durch Aggressivität auf. Für ihn wäre eine Kunsttherapie wohl genau das richtige. Obwohl ich nie etwas über seine Vergangenheit erfahren habe, wurde er durch das tägliche Malen doch schnell zu meinem Schützling. Er ließ sich sogar in der Kapelle etwas sagen und nie werde ich vergessen, wie er mich beim Ausflug an der Hand durch die Höhle führte, liebevoll aufmerksam, dass ich nicht mit dem Kopf anstieß.

Jetzt ist er in der Stadt der Kinder und soll zur Schule. Mit seinen 12 Jahren kann er immer noch nicht lesen. Ich hoffe, dass ihm das Schreiben ebenso leicht fällt wie die Malerei.

Florenta, Gentuta und Lidia sind alle noch unter 30, trotzdem werden sie "Baba", "Alte" genannt, weil ihre Gesichter vom Straßenleben schon verhutzelt sind und sie zetern können wie alte Weiber. Die Haare kurz geschoren, humpeln sie in Männerkleidern und großen Winterjacken, in denen ganze Mahlzeiten für die Hunde verschwinden können, durch die Gegend, fluchen durch ihre Zahnlücken und haben täglich ihre "Krisen". Meistens sieht man sie nach dem Putzdienst alle drei auf der Bank im Gleichtakt zu Modern Talking aus dem Radio notorisch wippen. Als ich sie zum Morgenprogramm auf den Plan rief, musste ich anerkennend Lidias selbst komponiertes abstraktes Muster bewundern, eigentlich harmonisch und ganz in leuchtenden Farben, die ihren Launen widersprechen. Gentuta erschreckte mich etwas, als sie eine Kopie mit einer Disneyprinzessin - diese Kopien sind leider sehr beliebt, die Mädchen malen alle Prinzessinnen blond an und vertiefen sich in diese Klischeewelt, anstatt selbst kreativ zu werden - in grellen und völlig unrealistischen Farben anmalte und sagte, sie wisse es nicht besser. Ihr großer Auftritt kam dann aber, als ich das Radio anmachte und sie zu den Latino-Rhythmen so elegant und strahlend tanzte, wie man es ihrem skurrilen Auftreten nach nie gedacht hätte - ein Schatten ihres früheren, mädchenhaften Ichs, dass sie jetzt lieber hinter weiten Kleidern und Schnittwunden versteckt.

Die alkoholkranke 30-jährige Stefania nennt mich liebevoll "Mami" und sich meine "Assistentin"; sie hilft mir treu bei jeder Ausschneide- und Streichaufgabe, den ganzen Vormittag kann sie in der Sommerhitze neben mir verbringen und geduldig und akkurat die Kletterwand farbenfroh bemalen. Das steht im krassen Gegensatz zu ihren Wutausbrüchen, wenn sie getrunken hat oder sich irgendwie angegriffen fühlt. Dann werde ich verflucht und nach Deutschland heimgeschickt - das benutzen alle; sie wissen, wie weh es jedem Freiwilligen tut - aber kurz darauf entschuldigt sie sich, dass sie wieder mal die Kontrolle verloren habe.

Sie hat eine große Traurigkeit und Wut in sich, deren Grund mir beim Malen immer wieder erzählt wird: Sie trauert um ihre zwei verstorbenen Kinder und ihre kleine Tochter, die wir leider in ein Heim für Kleinkinder abgeben mussten, weil Stefania immer wieder an den Bahnhof zu Drogen und Alkohol verschwindet und sich nicht um die Kleine kümmern kann.

Ihre Tochter ist ihr ganzer Stolz und gleichzeitig eine stete und belastende Erinnerung an ihr Scheitern.

Die Kapelle zu leiten liegt dem einen mehr, dem anderen weniger. Mir hat es immer gefallen, im Evangelium eine Botschaft zu finden, die unsere Jugendlichen betrifft, und sie dann so zu erklären, dass sie sie auch verstehen. Dann wird nämlich nicht geredet oder Lottozettel ausgefüllt - was auch schon vorgekommen ist, auch noch mit Erfolg! - sondern es entsteht schon mal ein betroffenes Schweigen, wenn sie erfahren, dass sie alles, was sie ihren Mitmenschen antun, Jesus antun. Das dann bei der nächsten Provokation nicht zu vergessen, ist eine andere Sache.

Die Fürbitten sind oft nur Machtaustausch - es wird für den gebetet, der einem immer Zigaretten gibt oder der gerade am angesehensten ist. Aber von denjenigen, die wirklich ernsthaft beten, kann man echt noch lernen. "Danke, dass es so schön geschneit hat!", "Ich bitte dich, dass unsere Seelen größer werden!", "Ich bete für alle, die hassen." "Danke für die Musik!" usw. Als ich für meinen kranken Opa gebetet habe, betete die halbe Kapelle mit - wirklich berührend.

Mich hat sehr beeindruckt, wie wichtig die Musik für die Stimmung in der Kapelle ist. Einerseits die gemeinsamen Lieder, mit denen wir uns immer lange einsingen und von denen oft auch nach der Kapelle noch einige gefordert werden.

Aber auch unseren Liedern, mit Keyboard, Flöte und Saxophon oder gesungen, lauschen die Jugendlichen gebannt und niemand verlässt mehr die Kapelle.

Musik kann soviel mehr ausdrücken als Worte und subtiler ansprechen und trösten als jedes Gespräch. Ich glaube, gerade für unsere Jugendlichen, die sich oft so schwer ausdrücken können, ist die Musik ein Ausweg.

Oft habe ich danach jemand weinend alleine in der Kapelle zurückgeblieben gefunden. Marian, eigentlich ein verschlossener Kraftprotz, konnte nicht erklären, warum die Tränen liefen, er "fühle nur alles viel intensiver und denke an seine Mutter".

"Wenn du singst, dann freut sich meine ganze Seele!" war eins der schönsten Komplimente.

Die letzten Tage hat Lidia nur noch geweint. Sie will nicht, dass wir gehen. Wer soll ihr dann noch "ihr Lied" spielen? Musik ist ihre Leidenschaft und so singt sie unsere Lieder voller Begeisterung mit, mit freiem Text natürlich und mit der Hand kräftig dirigierend.

Am berührendsten war dann aber unser letztes Morgengebet, als wirklich fast alle Jugendlichen und Freiwilligen anfingen zu weinen, während wir "Es regnet leise und ich vermisse dich so sehr!" spielten. Musik ist die intensivste Sprache, die alle verstehen.

Ich glaube, so haben sie verstanden, wie schwer uns der Abschied fiel.

Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Persönlichkeiten und viele andere kennen lernen durfte. Mit ihnen bin ich oft bis an meine Grenzen und darüber hinaus gekommen. Es ist doch nicht zu unterschätzen, mit was man als kleine 19-jährige blonde Deutsche im Lazar alles zu kämpfen hat:

Man muss lernen, sich trotz mangelnder Größe und Sprache, weiblichen Geschlechts und keinerlei Ausbildung bei diesen oft resignierten Jugendlichen eine menschliche, gefragte Autorität zu schaffen und sie jeden Tag bei den Neuankömmlingen neu aufzubauen.

Lernen, dass man als (junge) Frau leider doch eine schwierigere Rolle hat und am Umgang der Jugendlichen mit Frauen doch nur wenig ändern kann.

Lernen, einfach auf Gott und sich selbst zu vertrauen und "hineinzuspringen", wenn man eine völlig neue Aufgabe, die einem viel zu groß erscheint, bekommt. Man lernt, dass man viel mehr kann als man denkt. Für diese Herausforderung und die Verantwortung, die uns stärker gemacht hat, danke ich Ruth sehr.

Lernen, mit der täglichen Provokation der Jugendlichen, die oft nicht wissen, wie sie mit ihren Aggressionen umgehen sollen, und ihrem rauen Ton, umgehen zu können, obwohl sie einen oft verletzten. Die Provokation ist auch nur ein Hilfeschrei.

Aber auch lernen, die eigenen Grenzen an Belastbarkeit, Überarbeitung und Aufnahmefähigkeit von Problemen und Provokationen wahrzuhaben und auch nein sagen zu können in einem Haus, in dem die Arbeit nie aufhört.

Man muss lernen, Gleichgewicht zu halten mit geben und empfangen.

Aber all die Kämpfe mit sich lohnen sich, wenn man den eigentlichen Grund, warum man hier ist, nicht aus den Augen verliert: Ein Jahr diesen Jugendlichen zu schenken und ganz für sie da zu sein.

Sehr traurig war ich nur, als mich das Programm und die Verantwortung so in Anspruch nahm, dass ich nicht mehr all die geknickten Blicke und Tränen hinterfragen und versuchen konnte, sie zu lösen. Aber oft hilft auch nur ein bisschen Aufmerksamkeit mehr als man denkt.

So nannte mich Fernando , der sich sonst gerne damit beschäftigt, andere mit seinen wenigen Englischkenntnissen zu beschimpfen, plötzlich immer "princess". Natürlich kam mir der Zusammenhang Prinzessin = verwöhnte, zimperliche reiche Deutsche - ganz anders fiel aber seine Antwort aus, als ich ihn dann doch noch nach dem Grund meiner Namensgebung fragte: "Because you are so beautiful and so nice to other people - people like me!"

Viele bräuchten aber viel mehr Aufmerksamkeit wir wenigen Erzieher geben können, und tägliche Ermunterung und Bestärkung. Oft bin ich an ihrem Unwillen verzweifelt, noch etwas an der eigenen Situation zu ändern. Sie lassen sich stattdessen einfach fallen, weil sie zu oft vom Leben enttäuscht worden sind.

Ich wünsche allen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen - ob "Zigeuner", Behinderte oder sonst wie Benachteiligte - von ganzem Herzen, dass sie neue Schritte wagen, mutig sind und nicht am Leben verzweifeln und dass sie alle die Anerkennung und Chancen bekommen, die sie verdienen.

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  CONCORDIA Sozialprojekte P. Georg Sporschill SJ
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