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CONCORDIA AKTIV >Briefe an die Freunde

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Ich mache dich zum Segen für viele

 

  

Nadejdas Häuschen hat nur einen Raum. Es gibt eine Feuerstelle aus Lehmziegeln, ein Bett, auf dem sie sitzt, einen Tisch, darauf zwei Krüge aus Ton. Im einen ist Brot, im anderen bewahrt sie Zwiebeln auf. In der Ecke hängt eine Ikone des heiligen Antonius. Er ist der Einzige, mit dem sie jeden Tag spricht.
Nadejda wartet und hält sich am Türpfosten fest; das Stehen fällt ihr schwer. Sie ist 94 Jahre alt. Die Früchte vom kleinen Kirschenbaum im Hof kann sie auch nicht mehr pflücken. Das wird Ion für sie tun.
Heute hat er Gäste mitgebracht und ein paar Äpfel, die er in der letzten Woche aufgespart hat. Einen solchen Luxus hat Nadejda nur selten. Während wir die alte Frau begrüßen, geht Ion wortlos ins Häuschen und holt einen Eimer. Vom Brunnen tief unten im Tal schleppt er das Wasser für die kommenden sieben Tage herauf.
Ion Bacoi ist zwölf. Vor einem Jahr ist seine Mutter an Tuberkulose gestorben, wie so viele in diesem moldawischen Dorf. Der Vater hat die Familie vor Jahren verlassen, Ion kann sich nicht an ihn erinnern.
Während die Mutter krank im Bett lag, verfiel das Haus, es gab keine Möbel mehr, kein Licht, kein Wasser, keine Heizung. Geld für Kleidung und Schulsachen fehlte.
Nach dem Tod der Mutter nahm die alte Nachbarin Nadejda den Buben für ein paar Wochen bei sich auf. Bleiben konnte er in dem winzigen Haus nicht, und so brachte ihn die Lehrerin zu Concordia, in die „Stadt der Kinder“. Dreihundert Schützlinge, die wie Ion ihre Eltern verloren haben, leben hier in großen Familien. Ion geht zum ersten Mal in die Schule. Es fällt ihm noch schwer, aber er will lernen und später wieder zurück in sein Haus und sein verlassenes Dorf.
Jeden Sonntag besucht er „Großmutter Nadejda“, holt ihr Wasser und Holz für die kommende Woche. Niemand anderer könnte sie am Leben erhalten. Sie braucht ihn, er braucht sie.
„Ich mache dich zum Segen für viele“, sagte Gott zu Abraham. Wie Ion musste Abraham seine Heimat, seine Verwandten verlassen, wie Abraham hatte Ion Vertrauen. Er ging mit der Lehrerin in die unbekannte „Stadt der Kinder“. Abraham wurde zum Segen, weil er aufbrach, weil er Neues riskierte und sein Leben in die Waagschale warf. Er hat allen, die an den einen Gott glauben, den Weg zu Sinn und Zuversicht gewiesen. Ion wurde zum Segen für die alte Nadejda, weil sie für ihn Mutter sein konnte. Da ist jemand, der auf ihn wartet. Ihr Alter drückt sie, sie würde gerne sterben, doch sie meint verschmitzt: „Das Kind braucht mich noch.“

Nadejda heißt Hoffnung. Ihren Namen soll unser neues Projekt im moldawischen Dorf Piritã erhalten. Dort müssen viele mit 20 Euro Rente im Monat auskommen; das Gemüse in den kleinen Vorgärten, von dem sie leben, ist in der großen Trockenheit verdorrt. Vor allem die Alten hungern, ihre Söhne und Töchter sind ins Ausland gegangen, weil es in Moldawien für sie keine Arbeit gibt. Angela aus Vorarlberg baut eine Suppenküche auf. Hier können die Leute ein wenig ihrer Einsamkeit entkommen und Ion und unsere Jugendlichen bringen den Verlassenen Essen und Wärme in ihre Häuser.

Liebe Freunde, das Wort, das an Abraham und Ion ergangen ist, habt Ihr beherzigt. An wen denkt Ihr, wenn Ihr unser neues Leitwort hört: „Ich mache dich zum Segen für viele“? Schaut auf die Vielen, für die Ihr da seid. Von eurer Hilfe lebt die „Stadt der Kinder“ in Moldawien, wird die Suppenküche für die Hungrigen in Piritã leben.

 

In großer Dankbarkeit

  

Bukarest, Fastenzeit 2007

 

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