
Es war Nacht im Winter 1995, als Laurenziu zwei schlotternde Buben in unser Sozialzentrum am Bahnhof in Bukarest brachte. Der rumänische Transportminister hatte uns ein Gebäude zur Verfügung gestellt – in der Hoffnung, dass die Straßenkinder verschwinden würden. Sie machten ein schlechtes Bild, es gab unerfreuliche Erlebnisse mit Reisenden. Und er wollte den Kindern Hilfe verschaffen. Nun standen die Kleinen vor mir, fünf, sechs Jahre alt, verschüchtert. Ihre schwarzen Augen blickten starr. Was würde jetzt kommen? Essen wollten sie nicht. Wir hüllten sie in Decken wie alle anderen, die schon da lagen und schliefen. Einige zuckten zusammen, wahrscheinlich hatten sie böse Träume, andere schreckten auf, als die Neuen kamen. Die Nächte im Sozialzentrum vergesse ich nicht, den Geruch und das Wimmern der Kinderstimmen, und nicht die schwarzen Augen, die aus den grauen Militärdecken schauten.
Am nächsten Morgen holte Birgit, eine Helferin, die beiden Neuankömmlinge Cristi und Ionuz ab und brachte sie ins Kinderhaus St. Paul. Eine warme Dusche weichte den Schmutz auf und auch in den Seelen der Kinder löste sich etwas. So begann Ionuz zu erzählen. Sie waren in der Dunkelheit von zu Hause weggelaufen, wo der betrunkene Vater sie und die Mutter oft geschlagen hatte. Sie lebten zu viert in einem Zimmer und hatten immer Angst. Ionuz wartete, bis er lesen konnte. Dann nahm er den kleinen Bruder an der Hand, sie liefen und liefen bis zum Bahnhof. Lange fuhren sie mit dem Zug, bis er stehen blieb und alle ausstiegen. Sie fanden den Wartesaal, in dem viele Leute waren. Jugendliche gaben Tüten weiter und erschreckten sie. Hoffentlich mussten nicht auch sie hineinblasen und einatmen. Der Wartesaal war der einzige geheizte Raum, und sie fanden einen Platz am Boden beim Heizkörper. Hier kauerten die Kinder, als Laurenziu sie fand.
Ionuz erzählte und erzählte, der kleine Cristi aber kam nicht aus dem Bad. Die Erzieherin schaute nach und sah, wie er mit der harten Bodenbürste seine Arme schrubbte. Sie waren schwarz und sollten hell werden wie die seines Halbbruders. Cristi war ein „brauner Bruder“, wie die Roma in Rumänien oft genannt werden. „Zigeuner soll man nicht mehr sagen“, lacht Cristi heute und zeigt seine dunklen Arme. Er erinnert sich noch, wie in der Nacht die Angst vor Schlägen kam.
Dreizehn Jahre später macht Cristi die Matura mit Auszeichnung. Er hält zu seinem Bruder, der schwierig ist und mit Mühe Hilfsarbeiten bekommt. Fünf Jahre hat es gedauert, bis die Buben bereit waren, mit einem Begleiter einmal nach Hause zu fahren. Die Mutter bekam später noch ein Kind, doch das Mädchen hatte nicht genug zu essen. So brachten die Buben Cornelia mit ins Haus St. Paul. Den Vater haben sie nie mehr gesehen. „Ich glaube nicht, dass er noch einmal nach uns gefragt hat“, sagt Cristi.
Cristi hat eine schöne helle Stimme. Wenn Gäste da sind, singt er gerne das Lied „Wahre Freundschaft soll nicht wanken“. Bei der Maturafeier gab er mir einen Brief mit seinem Gebet: „Ich danke Gott für den glücklichen Tag, an dem ich in Concordia aufgenommen wurde, für alle meine Freunde, die ich hier kennen gelernt habe. Für eine gute Erziehung. Für Pater Georg und Ruth. Für meine Freunde Stephanie, Nico und ihre sechs Kinder. Für die Musik und für Reisen, die wir gemacht haben. Dass ich Deutsch lernen durfte. Dass ich gesund bin. Lieber Gott, ich danke Dir, dass ich die Maturaprüfung ablegen konnte.“
Für Cristi und unsere Großen bauen wir Wohngemeinschaften auf, in denen sie selbständig leben können. Sie werden einen Beruf erlernen oder studieren. Liebe Freunde, bitte helft uns bei diesem Hoffnungsprojekt.
Es war Nacht, als Ionuz und Cristi von zu Hause wegliefen. Sie wurde für sie zur Nacht der Befreiung. Mit Cristi haben wir das Leitwort für das neue Arbeitsjahr gewählt. Und es war Nacht (Joh 13,30), als Jesus vom Abendmahl aufstand und hinaus zum Ölberg ging, um das Werk der Erlösung zu tun. Diese Nacht wurde zur Nacht der Befreiung für alle, die sich heute von Jesus leiten lassen. „Die Mitte der Nacht ist der Anfang des Tages. Die Mitte der Not ist der Anfang des Lichts“, heißt es in einem altkirchlichen Hymnus. Cristi und unsere Kinder zeigen uns, wie auf die Nacht der Tag und das Licht folgen. Niemand hat mir je eine solche Freude gemacht wie ein Straßenkind, das zum Hoffnungskind wurde. Diese Freude will ich mit Euch, liebe Freunde, teilen, weil wir Euch viel Licht verdanken.
Ich wünsche Euch ein neues Schuljahr mit viel Licht durch Eure Kinder und Kindeskinder.
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| Unser Leitwort: Und es war Nacht. |
Bukarest, Sommer 2008
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