
Vor eineinhalb Jahren habe ich Euch von Ion, den wir Ionuz nennen, erzählt. Er lebte allein
in einer verfallenen Hütte, seine Eltern waren an Tuberkulose gestorben. Als er nicht mehr
in die Schule kam und verwahrloste, verschaffte ihm seine Lehrerin einen Platz in der
„CONCORDIA – Stadt der Kinder“.
Er hätte nun behütet und mit allem Nötigen versorgt leben und lernen können. Aber
er weigerte sich, in ein schönes Kinderhaus zu ziehen. Er musste sich um seine alte
Nachbarin Nadejda kümmern, die er Oma nannte: Wasser vom Brunnen holen, Mehl und
Holz für den Herd besorgen. Sie selbst war dazu nicht mehr fähig; sie schaffte kaum noch
die zwei Schritte bis zu ihrem Herd.
Als wir die Versorgung der Oma sichergestellt hatten, zog Ionuz in die „CONCORDIA –
Stadt der Kinder“. Doch er hat sie bis heute nicht vergessen und besucht sie regelmäßig in
ihrem Dorf. Und sie freut sich, dass er ein neues Zuhause gefunden hat und wieder lernen
kann.
„Darf ich vom Tisch etwas Essen mitnehmen?“, fragte Ionuz eines Tages. Als die Erzieher
wissen wollten, wozu, führte er sie zu den vielen Menschen, die rund um die glückliche
Stadt der Kinder wohnen. Er öffnete uns die Augen für die Einsamen, die nicht mehr aus
dem Haus können, für die vielen, die kein Holz zum Heizen haben, für die Menschen, die
hungern, mitten in Europa.
Unseren moldawischen Kindern und Eurer großzügigen Hilfe ist es zu verdanken, dass
wir Suppenküchen und ein Sozialzentrum eröffnen konnten. Dieses Zentrum und unser
Programm haben den Namen von Ionuz’ „Oma“ bekommen: Nadejda, denn Nadejda heißt
Hoffnung. Zur Eröffnung schleppten sich über hundert alte und geschwächte Menschen.
Sie sangen, zum ersten Mal seit vielen Jahren.
Unsere Mitarbeiter in der Republik Moldau sind fleißig und dankbar, weil sie nicht ins
Ausland müssen, um ihre Kinder zu ernähren. Aus immer mehr Gemeinden kommen
Bürgermeister/innen und Helfer/innen, die eine Sozialstation aufbauen wollen.
Einundzwanzig Kochstellen gibt es schon, von denen Hoffnung ausgeht.
Nadejda hat bei CONCORDIA ein neues Tor aufgestoßen. Die Kinder selbst haben
CONCORDIA ein neues Motto hinzugefügt: Nicht nur „Für unsere Kinder“ heißt es jetzt,
sondern auch „Für unsere Eltern“. Mit den Älteren und Ärmeren wollen die Kinder teilen,
was sie erhalten haben.
„Es war Nacht“ lautet unser Motto für dieses Jahr. Viele alte Menschen in Moldawien
leben in einer Nacht aus Armut, Hunger und Hoffnungslosigkeit. In diese Nacht wollen
unsere Kinder und Mitarbeiter/innen Licht bringen. Liebe Freunde, bitte helft uns, den
Jugendlichen die Körbe zu füllen, die sie in die ärmlichen Hütten tragen. Warme Suppe
ermöglicht vielen das Überleben. Ein Bündel Holz gibt Wärme fürs Fest. Der Besuch der
Jungen bringt die Augen von Menschen zum Leuchten, die nichts mehr erhoffen konnten.
Dann können sie sagen: „Es war Nacht, aber ihr habt uns geholfen.“
Nadejda, die Hoffnung, möge am Heiligen Abend auch in eure Familie kommen.
Chisinau, Advent 2008
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