
„Ihr Stock, Ihr Stock!“, ruft Katja dem Herrn Axinte von der Tür der Suppenküche aus nach.
Kopfschüttelnd dreht der alte Mann sich um. Wie hat er bloß die paar Meter ohne Stock
geschafft? Ist es, weil sie bei Tisch so viel von früheren Zeiten gesprochen haben, als er
noch jung und voller Kraft war?
DieTöpfe sind inzwischen leer, die Teller werden eingesammelt und abgewaschen.
Unter Anleitung der zahnlosen Lehrerin mit der riesigen Brille mit dem vergilbten
Kunststoffgestell haben die alten Frauen zu singen begonnen. So setzt Herr Axinte sich
noch einmal hin und hört zu. Später wagen einige sogar ein Tänzchen. Heute bleiben
noch etliche Stöcke neben der Eingangstüre stehen, der Weg nach Hause scheint plötzlich
leichter geworden.
Katja ist schon seit Stunden am Werk. Mit zwölf Jahren verlor sie ihre Eltern, dann nahm
ein Nachbar sie auf, ein grober Säufer, bei dem sie als Magd schuften musste. Sie konnte
nicht einmal mehr die Schule besuchen. Nach seinem Tod kam sie in unsere „Stadt der
Kinder“, und nun hilft sie mit Begeisterung jeden Tag in der Suppenküche mit und ist kurz
davor, die Ausbildung zur Kindergärtnerin abzuschließen. Zusammen mit einer zweiten
Helferin hievt sie jetzt große Töpfe mit Suppe auf die Fuhrwerke. Viele gebrechliche
Menschen können ihre Hütten nicht mehr verlassen; die jungen Volontäre bringen ihnen
das Essen in ihre verfallenden Häuschen und Lehmhütten. Wenn die Wege nicht im
Schlamm versinken, kommen auch Fahrräder zum Einsatz, damit das Essen schneller
ausgeteilt werden kann. Die Augen der Einsamen beginnen zu leuchten, wenn unsere
Jugendlichen ihr Haus betreten: Es ist, als öffnete ein Engel die Tür. Und dann kann es
geschehen, dass die alten Leute das schöne Gewand wieder hervorholen und anziehen,
das sie eigentlich für ihr eigenes Begräbnis aufgespart haben.
Sieben Sozialzentren haben wir bis jetzt in Moldawien eingerichtet; dazu kommen 23
Suppenküchen in den umliegenden Orten, von denen aus täglich Helfer und Helferinnen
wie Katja ausschwärmen und zu den Verlassenen und Bettlägerigen gehen. Auch einige
Pflegefälle können wir in den Zentren aufnehmen. Durch den Einsatz von Menschen
wie Katja erwacht in den abgelegenen alten Dörfern, in denen es keinen einzigen
Arbeitsplatz gibt, wieder neues Leben. Immer mehr Freiwillige helfen mit, und wir erleben,
wie Optimismus sich verbreitet. Dann ist die Armut nicht mehr Schicksal; die Menschen
spüren neue Kraft, sie packen selber mit an und helfen einander. Ein Beweis für diese
zuversichtliche Stimmung sind kleine Unternehmen, die junge Leute auf die Beine stellen:
Ein junges Mädchen gründet ein kleines Friseurgeschäft mitten im Armenviertel, zwei
Frauen kochen Marmelade für die Nachbarschaft. So entstehen Knotenpunkte, von denen
wiederum neue Fäden ausgehen, Netzwerke der Hoffnung.
Das ärmste Land Europas ist Moldawien, und es steht mitten in einem gewaltigen
Umbruch. Keiner weiß, wie es dort politisch und wirtschaftlich weitergehen wird.
Liebe Freunde, helft uns, unser Netzwerk am Leben zu erhalten. Angela King, die Leiterin
von CONCORDIA in Moldawien, bedrängt uns täglich mit dramatischen Berichten:
„Vergesst uns nicht!“ Mit einem Euro am Tag können junge Leute wie Katja viele Teller
Suppe füllen, mit einem Euro am Tag kann ein Mensch wie der Herr Axinte aus der
Hoffnungslosigkeit geholt werden. Vielleicht vergisst dann auch er seinen Stock an der Tür
zur Suppenküche – eure Hilfe hat ihm Kraft gegeben.
Chisinau, Herbst 2009
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