
Todmüde kehrt Angela, die CONCORDIA-Leiterin in Moldawien, aus dem „Dorf der
Vergessenen“ zurück. Mit ihren Helferinnen hat sie Überlebenspakete für alte Menschen
dorthin gebracht. Nun berichtet sie:
Das Dorf Sinesti liegt am Ende eines kargen Tales. Bis zur nächsten befestigten Straße
sind es fünfzehn Kilometer. Knietiefer Schlamm überall.
Tausend Menschen leben noch dort, mehr als die Hälfte davon alt und krank. Ihre
Lehmhäuser zerfallen, weil sie kein Geld, keine Kraft und keine Hilfe haben, um sie
instand zu halten. Wasser gibt es nur am Dorfbrunnen.
Ins große Schulgebäude, wo vor zehn Jahren noch vierhundert Kinder unterrichtet wurden,
kommen jetzt noch hundert. Die Leiterin kämpft darum, dass die Schule nicht geschlossen
wird. Geheizt werden kann nicht mehr, weil die Gemeinde keine Steuereinnahmen hat.
Der Kindergarten wurde vor etlichen Jahren geschlossen, das Gebäude zerfällt.
Die meisten jungen Leute gehen weg, es gibt keine Arbeitsplätze, keinen Handwerksbetrieb,
keine Kirche, kein Gasthaus. Die wenigen, die geblieben sind, fristen ihr Dasein
als Schafhirten.
Eugenia, eine junge Frau mit drei kleinen Kindern, haben wir besucht. Zwei Schafe besitzt
sie, davon kann sie ihre Kinder kaum ernähren. Die Kleinen frieren und hungern. Eugen
sitzt hinter dem kalten Herd. Brot und Schokolade, die wir mitbrachten, hat er gierig
gegessen und ein Stück davon unter der Decke versteckt.
Eugenia fragt nach Arbeit und zeigt uns ihre kräftigen Hände. Sie will nicht weggehen, sie
möchte im Dorf bleiben, bei ihren Kindern.
Der Gemeindesaal wird schon lange nicht mehr genutzt. Dort werden wir nun eine
Suppenküche einrichten. Eugenia erhält eine Ausbildung und soll die Leitung übernehmen.
Zwanzig junge Helfer haben sich schon gemeldet. Sie werden die Suppe austeilen und
bei den alten Leuten zuhause Hilfsdienste leisten. Dabei lernen sie Altenpflege und
Nachbarschaftshilfe, aber vor allem auch, wie man sich selbst hilft. Wenn die Kräfte der
Jungen erwachen, werden wir mit ihnen neue Werke gründen. Sie können zu kleinen
Unternehmern werden. Und das „vergessene Dorf“ wird aufleben.
Ich träume und wünsche mir für Sinesti, dass Eugen und die anderen Kinder im Dorf
keinen Hunger mehr leiden. Dass in einer Suppenküche im Dorfzentrum alle hungrigen
Armen ein gutes Essen bekommen. Dass es wieder einen Kindergarten gibt und die
Schule im Winter geheizt wird.
Das berichtet Angela aus Moldawien, wo derzeit die Grippe-Epidemie besonders arg
wütet.
Mit aller Kraft möchte ich mit Euch, liebe Freunde, unsere tapferen Helferinnen in
Moldawien unterstützen, damit die Ärmsten täglich ein warmes Essen bekommen.
Im „Dorf der Vergessenen“ bricht Hoffnung auf, die stärker ist als das Sterben. Diese
Hoffnung ergreift auch uns und unsere Kinder. Das kann ich an den vielen Jugendlichen
sehen, die zu uns nach Moldawien, Rumänien und Bulgarien kommen. Sie verlassen den
Wohlstand, um zu helfen. Oft unter schwierigsten Umständen. Sie werden getragen von
der Großzügigkeit und von den Gebeten unserer Freunde. Wer jetzt mittut, spürt, wie auch
zu Hause Weihnachten kommt.
Mit drängender Bitte und Dank bin ich
Euer
Chisinau, Advent 2009
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