Weil die Eltern den ganzen Tag gearbeitet haben, manchmal auch nachts, waren wir meistens allein. Als Kind musste ich für alle das Essen herrichten. Manchmal haben wir nur Brot mit Zucker gegessen, weil wir nichts anderes hatten. Eines Nachts hat Daniel vergessen eine Kerze auszublasen. Die Wohnung hat gebrannt. Zwei Zimmer sind mit allen Möbeln ausgebrannt. Ein Nachbar hat uns geholfen aus den Flammen zu entkommen. Das war noch vor der Revolution. Der Vater hat uns zu sich an den Arbeitsplatz mitgenommen, von da ab haben wir alle in einer heruntergekommenen Baracke gewohnt.
Tagsüber waren wir auf der Straße, in die Schule sind wir nicht mehr gegangen. Wir haben gespielt, haben beim Müll alle möglichen Dinge gefunden, die wir verkauft und damit Geld verdient haben. Wir sind in die Kioske und Läden eingebrochen, da haben wir Süßes und Lebensmittel gestohlen. Einmal haben wir einen Lottokiosk aufgebrochen, da hat uns die Polizei erwischt, aber sie haben uns nichts gemacht. Sie haben unsere Eltern geholt und uns wieder laufen lassen. Wegen der vielen Probleme hat Mama angefangen, zu trinken, auch der Papa hat manchmal getrunken. Immer öfter gab es einen Skandal mit ihnen. Weil wir nicht zu essen hatten und auch keinen richtige Wohnung, habe ich Daniel, den Jüngsten, genommen und bin mit ihm zur Polizei gegangen. Sie haben uns in ein staatliches Kinderheim gebracht, das Ciresarii heißt. Fast sechs Monate waren wir dort. Es war sehr schwierig. Die Großen haben uns oft geschlagen und uns misshandelt. Es hat mich vieles geärgert und ich habe angefangen mich mit ihnen zu prügeln. Weil wir dort immer schwieriger geworden sind und ich auch Daniel nicht mehr im Griff hatte, hat uns der Psychologe einen neuen Platz gesucht. Währen dieser Zeit hat ein Mitarbeiter von CONCORDIA, Valentin, unseren Bruder Julian auf der Straße gefunden. Er hat ihn ins Kinderhaus St. Paul gebracht. So wollten wir auch dort hin. Es war nur ein Platz frei. Sie haben mich aufgenommen und Daniel ist auf die Farm gekommen.
Damals war ich dreizehn Jahre alt. In den folgenden vier Jahren in St. Paul habe ich viel gelernt. Ich bin in die Schule gegangen, bis ich die achte Klasse abgeschlossen hatte. Dann hat der Hausleiter mit uns besprochen, wie es weitergeht. Er hat gefragt, ob wir nicht auf der Farm die Ausbildung als Bäcker beginnen wollen. Weil Julian und mir der Beruf gefällt, haben wir ja gesagt und sind auf die Farm gezogen. Hier war es am allerschönsten. Wir haben die Berufschule gemacht und uns mit allen gut verstanden. Nach zwei Jahren haben wir unser Diplom bekommen. Darauf bin ich sehr stolz. Ich habe mich sehr zum Guten verändert, das Leben hat mir zum ersten Mal richtig gefallen.
In dieser Zeit habe ich Cristina, ein Mädchen aus dem Dorf kennen gelernt. Sie hat sich vor mir gefürchtet, weil sie geglaubt hat, ich sei ein Vagabund und Straßenkind. Ich habe es geschafft ihr Vertrauen zu gewinnen. Zum Ärgernis ihrer Eltern, sie wollten mich überhaupt nicht. Sie hat gesagt, ich sein ein Lump, obwohl ich mich immer sehr gut in ihrer Familie benommen habe. Aber trotzdem habe ich es erreicht, dass wir jetzt zusammen sind. Am meisten haben wir die Erzieher auf der Farm und Ruth geholfen. Auch jetzt weiß ich, dass CONCORDIA hinter mir steht. Letztes Jahr habe ich geheiratet. Wir haben ein schönes und gesundes Kind, wir haben ein Häuschen, unser eigenes Heim. Ich arbeite in der Fleischabteilung bei Billa, ich verdiene nicht sehr viel, aber wir kommen durch. Die Eltern von Cristina haben mich noch immer nicht wirklich angenommen, ich fühle mich noch nicht als Mitglied ihrer Familie. Aber ich werde weiterkämpfen für meine Familie, denn sie sind keine schlechten Leute. Sie können nur nicht verstehen, woher ein Straßenkind kommt.
März 2002
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