Ich komme aus Botosani, im Norden Rumäniens, wir sind vier Schwestern. Mein Vater hat nie mit uns gelebt. Ich weiß, wo er wohnt. Wenn ich ihn gesehen habe, habe ich ihn gegrüßt, mehr nicht. Er war mit einer anderen Frau verheiratet. Bis ich sechs Jahre alt war, war ich mit einer Schwester bei meiner Mama. Dann hat sie wieder geheiratet und wir mussten aus dem Haus. Der Neue wollte uns nicht haben. Er war herzkrank und hatte Probleme mit den Nerven. Er hat mich fest geschlagen und manchmal auch die Mama. Ich wollte ihr oft helfen, dann hat sie mich auch noch geschlagen. Irgendwann sind wir zur Großmutter gekommen. Nach drei Jahren hat sie uns ins Heim gegeben. Wir durften nicht mehr nach Hause und die Mama nicht mehr sehen. Das war schwer für mich. Ich glaube, auch sie hat gelitten. Aber ich weiß es nicht, wir haben keine innere Verbindung und reden nicht über solche Dinge. Seit damals war ich sehr sensibel und habe viel geweint.
Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt
Ich habe mir gedacht, der Mama so nahe zu sein und sie nicht sehen dürfen, das halte ich nicht aus. Dann gehe ich lieber ganz weit weg, damit ich nicht mehr an sie denken muss. Ich bin in den nächsten Zug gestiegen. In Bukarest bin ich angekommen und ausgestiegen. Da war ich also und wusste nicht, was ich machen soll. Ich hatte Hunger. Ich habe gebettelt und etwas zum Essen gekauft. Die Nacht habe ich in einem Stiegenhaus verbracht. Ich weiß nicht mehr, wie lange ich auf der Straße war, vielleicht nur eine Nacht? Dann ist Pia gekommen, sie war eine Erzieherin bei CONCORDIA und kommt aus Wien. Sie hat mich gesehen und mich gefragt, was ich mache. Sie hat Brote mit Wurst und Käse dabei gehabt und mir etwas gegeben. Ich habe gesagt, ich habe kein Zuhause. Dann hat sie gesagt, ich soll mit ihr kommen, sie kann mir etwas besorgen. Da könnte ich sogar weiter in die Schule gehen. Am selben Tag noch bin ich auf die "Farm für Kinder" gefahren. Ich bin in ein Haus mit sieben anderen Mädchen gekommen. Alle haben sich gefreut und mich begrüßt. So war es für mich leicht mich einzugewöhnen. Pia ist jetzt leider wieder in Wien, ich hoffe, sie hat mich nicht vergessen. Sie hat mich wieder auf die Beine gebracht, ohne sie wäre ich jetzt noch am Bahnhof, ich darf gar nicht daran denken. Ich werde ihr mein ganzes Leben dankbar sein. Sie ist für mich wie ein Engel.
Sechs Jahre habe ich auf der Farm gelebt. Dann habe ich gehört, dass der Vater gestorben ist und ich habe gedacht, jetzt kann ich zu meiner Mutter zurück. Zwei neue Schwestern waren zu Hause. Sie sind in die Schule gegangen. Für mich war nirgends Platz und es war auch nicht genügend Geld, dass wir alle zu essen hatten. Sie konnte mich nicht zu Hause halten.
Noch zwei Jahre bis zur Matura
Mit der Mutter war es schwierig, ich habe nie wirklich ihre Liebe gespürt, und doch habe ich gewusst, sie hält zu mir. Es ist jetzt eine Beziehung, nicht wie zu einer Mutter, aber ich achte sie. Jetzt ist sie alt und kann nicht mehr. Da habe ich mich an die Worte erinnert, die mir Ruth zum Abschied gesagt hat: wenn du Probleme hast, dann komm zurück. Es war August. Ich habe mich erinnert, dass alle Kinder von CONCORDIA im Sommer ein großes Fest feiern, den "Sommernachtstraum". Das war immer wunderschön. Ich bin zur Farm gefahren und habe Ruth gefunden. Sie hat mich gleich verstanden und gesagt, ich soll nach Bukarest kommen. Ich konnte in eine Wohngemeinschaft von CONCORDIA einziehen. Jetzt gehe ich in die zwölfte Klasse, ich habe nur gute Noten, es sind noch zwei Jahre bis zur Matura. Dann möchte ich studieren, Jus oder Medizin. Ich will einmal auf eigenen Beinen stehen und mein Leben selbst verdienen. Nicht unbedingt heiraten und Kinder bekommen, aber ich möchte etwas leisten, so dass andere gerne an mich denken. Ich möchte einen Beruf haben, mit dem ich anderen helfen kann, weil andere mir so viel geholfen haben. Ich finde keine Worte dafür und ich kann nie zurück geben, was mir im Leben geschenkt wurde. März 2004 |