Wir sind zu Verwandten und zu Freunden gegangen, sie haben uns aufgenommen, aber immer wieder nach Hause gebracht. Damals war ich ungefähr fünf Jahre alt. Dann sind wir immer weiter und immer länger weg geblieben. Wir sind in große Städte gekommen, so hat es angefangen, dass wir immer mehr auf der Straße gelebt haben.
Die Gefahren für Mädchen
Auf der Straße war ich am Anfang mit George, meinem Bruder, dann mit anderen Kindern. Mein Bruder hat auf mich aufgepasst, aber er war damals auch noch klein. Wir haben um Geld, Essen und Kleider gebettelt. Dann haben wir uns irgendwann verloren. Er war unterwegs mit den Buben, sie haben andere Sachen gemacht. Ich bin mit einer Gruppe Mädchen geblieben, wir waren sechs. Wir wollten nicht so wild unterwegs sein. Wir haben alle wie Buben ausgesehen, schmutzig angezogen, kurz geschorene Haare, und wir haben uns wie Buben benommen. Niemand konnte erkennen, ob wir Mädchen oder Buben waren. Laura war die Älteste in unserer Gruppe, sie hatte einen Freund, der hat uns beschützt und keinen an uns herangelassen. Mit ihm waren wir in Sicherheit. Damals waren wir noch klein, da war es als Mädchen noch nicht so gefährlich, es hat auch noch nicht so viele auf der Straße gegeben, die sich Mädchen geholt haben.
Für ein Mädchen ist es ganz anders als für Buben, wenn sie auf der Straße leben. Sie haben viel mehr Probleme. Sie werden leicht von Männern mitgenommen. Er ist sehr gefährlich. Bei den Mädchen kann ein Trauma bleiben, wenn sie einmal vergewaltigt wurden. Wenn du niemanden findest, zu dem du flüchten kannst, bleibst du Prostituierte dein Leben lang. Das wirst du nie mehr los. Die meisten bleiben aber leider bei einem "Fisch" (Zuhälter). Heute weiß ich, dass fast alle von dieser Mädchengruppe Prostituierte geworden sind. Wenn du einmal vergewaltigt worden bist, kommt der eine und dann der andere. Du merkst, wie du damit Geld verdienen kannst. Dann bist du dabei. Wenn du Glück hast, findest du einen, der dich heiratet. Eine andere Chance hast du nicht, da herauszukommen. Ich wäre sicher auch so geworden, wenn ich nicht zu euch gekommen wäre. Ich habe oft Angst gehabt. Fast jeden Tag ist irgendetwas passiert, und wir mussten davon laufen. Einmal war ich im Zug, da hat mich der Kontrolleur erwischt, natürlich hatte ich kein Ticket. Er hat gesagt, komm mit mir, dann wirst du nicht bestraft. Ich habe sofort gewusst was wieder passieren wird. Ich habe geschrieen, dann sind die Leute gekommen und haben mir geholfen. Ich war damals mit zehn Jahren noch sehr verrückt und frech.
Oft sind mir die Großen nachgelaufen und wollten mich mit Gewalt haben. Wir sind in Restaurants gegangen und haben die Gäste angebettelt, wir wollten essen. Die Kellner haben uns hinaus gejagt, aber wir waren hartnäckig und sind wieder gekommen. Es war auch eine schöne Zeit.
Wir haben manchmal viel Geld bekommen, dann sind wir ins Kino gegangen, wohin wir wollten. Das hat mir gefallen. Es war schön und schlimm damals. Wohin wir gekommen sind, hat man uns sofort weggejagt, das ist kein schönes Gefühl. Einmal hat mich die Polizei so geschlagen, dass ich nicht mehr gehen konnte. Ich bin auf allen Vieren gekrochen und am Bahnhof in einen Zug eingestiegen, ich weiß nicht mehr wie. Eine Familie hat mich vom Zug mitgenommen und in ein Spital in Timisoara gebracht. Von dort wurde ich in ein Zentrum für Minderjährige verlegt. Da war ich zwei Wochen. Dann hat die Revolution begonnen.
Es ist Revolution
Ein Polizist hat mich zu meinen Eltern gebracht, weil das Zentrum aufgelöst wurde. Ich habe gesehen, wie überall die Scheiben eingeschlagen waren und alles verwüstet war in den Städten. Ich habe nicht verstanden, was passiert ist. Daheim habe ich im Radio gehört, dass eine Revolution ist. Ich habe nicht gewusst, was das ist, habe nur gedacht, zum Glück bin ich nicht mehr auf der Straße. Die Eltern haben mich mit "offenen Armen" empfangen. Ich wurde kahlgeschoren und geschlagen wie noch nie. Darum bin ich doch wieder weggegangen, auch wenn es auf den Straßen damals turbulent war.
Seit 1990 bin ich in Bukarest. Ich war mit vielen Kindern am Nordbahnhof oder an der Piata Romana. Das erste Mal habe ich Pater Georg irgendwo am Bahnhof gesehen. Wir haben etwas zu essen und manchmal Kleider bekommen. Wir haben miteinander gesprochen. CONCORDIA hat ein neues Kinderhaus eröffnet, es war eine Notschlafstelle. Ich war so froh, dass ich jetzt nachts einen Platz zum Schlafen hatte. Damals habt ihr nur Mädchen und die ganz Kleinen aufgenommen. Es waren zu viele Kinder am Bahnhof und kein Platz für alle im Haus. Ich hatte das Glück, dass ich dabei war. Dann hat CONCORDIA das nächste Kinderhaus eröffnet und einige von uns durften dort einziehen. Dann wurde noch ein neues Haus eröffnet. Ich bin noch einmal umgezogen. Hier im Kinderhaus St. Andrei durfte ich bleiben. Ich bin bald in die Schule gekommen, es war schwer. Denn bis ich zehn war, war ich kaum in der Schule. Jetzt musste ich mit der fünften Klasse beginnen und viel lernen. Die Erzieher haben mir sehr dabei geholfen. Dann war der Moment, dass ich gewusst habe, von hier will ich nicht mehr weg. Auch heute will ich nicht von euch getrennt werden. Es war alles so anders, so schön, so ruhig und ich habe mich zum ersten Mal in meinem Leben geborgen und sicher gefühlt. Ich habe mich sehr schnell an das neue Leben angepasst. Ich wollte unbedingt eine gute Schülerin sein und habe fleißig gelernt. Wir waren eine Familie. Die liebste Erzieherin ist Ioana. Wir haben uns sehr gut verstanden.
Ich möchte allen helfen
Inzwischen habe ich die Matura gemacht und studiere im dritten Semester Psychologie. Ich habe ein eigenes Zimmer gefunden. Früher wollte ich Schauspielerin werden, weil wir im Haus viel Theater gespielt haben. Später wollte ich auf jeden Fall etwas werden, was mit Menschen zu tun hat. Psychologie macht mir Freude. Ich habe den Vorteil, dass ich nicht nur die Theorie kenne, sondern auch die "Praxis". Ich habe so viel erlebt. Und ich glaube, dass ich deswegen andere Menschen verstehen kann, wenn sie Probleme haben, weil ich vieles auch durchgemacht habe. Ich fühle eine Kraft, dass ich ihnen etwas geben kann. Den anderen Studenten habe ich nie von meiner Vergangenheit erzählt, sie haben nicht mal eine leise Ahnung. Freunde habe ich unter ihnen, aber nicht sehr viele und nicht sehr enge. Meine besten Freunde sind meine "Geschwister" aus dem Kinderhaus und die Erzieher. Mit ihnen kann ich am besten und über alles reden. Einen Freund hatte ich auch schon öfters, aber es ist immer wieder zerronnen. Mein Traum ist es eine Familie zu haben und meinen Kindern zu schenken, was ich nicht gehabt habe. Glücklich will ich werden, nicht reich. Ich möchte allen helfen, die mich brauchen. Mir geht es gut, wenn ich etwas für andere tun kann.
März 2004
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