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Empfangenes weitergeben

Es ist mir ein besonders Anliegen Empfangenes weiter zu geben: die Geborgenheit und die Kraft aus dem Glauben. Ich möchte auch andere mit der Freude anstecken sich für Menschen einzusetzen, vor allem für die Schutzbedürftigen, weil dadurch das Leben spannend wird.

 

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Geborgenheit und Kraft aus dem Glauben

PROPHETENSCHULEN FÜR EUROPA
Vortrag von P. Georg Sporschill SJ, Stadtmission Wien, 26. Mai 2003

1. Vor 25 Jahren hat mich ein Freund gefragt: "Über welchen Text aus dem Evangelium soll ich bei deiner Primiz predigen?" Und ich habe gesagt: "Mir fällt nichts ein, nimm das, was an diesem Tag dran ist." Und da kam das Wort "Was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" - es war der Christkönigssonntag. Ich habe damals nicht geahnt, dass das der Weg würde, auf dem mir Jesus so tief und unübersehbar begegnen wird - heute in den Straßenkindern.

Costel war so ein Straßenkind. Vor etwa zwölf Jahren habe ich ihn in einer U-Bahn Station in Bukarest gefunden. Er hat in einer großen Sandkiste übernachtet, der Sand war im Winter zum Streuen der Straßen. Und da hat er sich zugedeckt. Mit zwei anderen Freunden lagen sie übereinander, um nicht zu erfrieren. Gelebt haben sie vom Betteln und ein bisschen vom Stehlen, sie waren noch alle drei klein. Und ich hatte damals das große Glück ihn fragen zu können, weil bei uns Plätze frei waren: "Willst du mit in ein Kinderhaus?" Er wollte nicht mit, weil er eben erst aus schrecklichen Heimen weg gelaufen war. Und ich habe gesagt: "Bei uns sind die Türen nicht verschlossen. Wenn´s dir nicht gefällt, gehst du wieder." Er hat mich skeptisch angeschaut und dann gesagt: "Ich gehe mit, aber nur, wenn ich meine zwei kleinen Freunde auch mitbringen darf. Allein will ich nicht mit."

Und so kam er dann in unser schönes kleines altes Kinderhaus St. Paul. Es dauerte wie bei jedem Kind einige Zeit, bis er so viel Sitzleder hatte, um wieder in die Schule gehen zu können, in die öffentliche Schule mit den anderen Kindern, trotz der verlorenen Jahre. Aber Costel und seine Freunde haben´s irgendwie geschafft. Er hat die Schule bestanden, abgeschlossen, und dann kam er auf unsere Farm für die Kinder, wo es die Lehrwerkstätten gibt, und er hat Bäcker gelernt. Die Bäckerlehre hat er mit dem staatlichen Abschluss beendet und schließlich konnte er bei einer internationalen Lebensmittelkette in der Feinkostabteilung arbeiten und war stolz auf seine Arbeit. So stolz, dass er am Anfang gebeten hat, ob er nicht am Wochenende im Arbeitsmantel nach Hause und in die Kirche gehen kann, weil er dankbar für seinen Arbeitsplatz war.

Costel ist heute zweiundzwanzig und ist ein Vorbild für die vielen, drei-, vierhundert Kleinen, die CONCORDIA in seinen Häusern hat. Aber obwohl er das alles so gut gemacht hat, ist eine Wunde bei ihm immer geblieben und lange nicht geheilt: er hat jahrelang nach seinem Vater gefragt und nach seiner Mutter, aber es gab keine Spur.

Eines Tages, als er einen Pass und Dokumente brauchte, kamen wir durch die Polizei zufällig darauf, dass es seine Mutter gibt und wo sie ist: in einem psychiatrischen Krankenhaus. Ein Erzieher ist mit ihm dorthin gefahren, ins Landesinnere, Stunden von Bukarest entfernt, und man hat dann seine Mutter in das Gesprächszimmer gebracht. Ein Häufchen Elend. Und sie ist gleich dem Erzieher, der den kleinen Buben begleitet hat, um den Hals gefallen. Und dann haben die Pfleger gesagt: "Das ist er nicht. Der andere ist dein Sohn!" Und sie hat ihn groß angeschaut und ihm den ersten Satz gesagt, den er von seiner Mutter gehört hat - er war immerhin schon sechzehn: "Hast du Zigaretten mitgebracht?" Das war das Einzige.

Später hat er uns von dieser Begegnung erzählt und gesagt: "Sie ist ganz klein geworden." Er hat milde und ohne Vorwurf von seiner Mutter gesprochen, aber oft für sie gebetet. Eines Tages in einem Gottesdienst bei den Fürbitten hat er folgenden Satz gesagt, den wir zunächst alle nicht verstanden haben: "Lieber Gott, ich danke dir für meine Mutter, weil sie mich neun Monate so wunderbar behütet hat!"

Ich glaube, das ist das Geheimnis, warum Costel sein schweres Schicksal auf der Straße bewältigt hat und so ein starker und kräftiger und tüchtiger Junge wurde. Weil er einen Blick hat - trotz allem Elend - für das Glück in seinem Leben, für die neun Monate. Ich glaube, sein Geheimnis ist, dass er danken kann. Und vielleicht noch ein Zweites: dass er die zwei anderen mitnehmen wollte und heute für die Kleinen ein Vorbild ist, weil er ein Hirte ist.

Danken und Hirte - Sein hat ihn das Schwere bewältigen lassen und ihn zu einem starken Burschen gemacht, der ein Bild heute ist für das, was in Rumänien geschieht: ein Land im Aufbruch, ein Land voll Hoffnung und ein Land, das in Europa eine Rolle spielen will mit seiner starken Religiosität, mit tüchtig gewordenen Straßenkindern, die heute Hoffnungskinder sind, und auch mit Klöstern und Priesterseminaren, die lebendig und voll sind.

2. Ich wollte ihnen mit diesen Beispielen sagen, dass Costel und die Straßenkinder für mich so etwas sind wie die Prophetenschule des Elija. Er hatte viele Jünger, mit denen er zusammen war und unterwegs war, mit denen er dem Willen Gottes gefolgt ist und verfolgt wurde. Wie Elija, der heute noch in Israel der große Fürsprecher in allen Nöten ist. Die Straßenkinder sind für mich so eine Prophetenschule wie Elija sie hatte. Denn dort habe ich gelernt zu danken, dort spüre ich, wie wunderbar es ist, Hirte für einen anderen zu sein und dass wir immer und vor allem in der Not mit der Geborgenheit in Gott rechnen dürfen.

Solche Prophetenschulen wie sie mir die Straßenkinder in Bukarest schenken, gibt es auch in Wien. Schauen sie das heutige Programm an: die Workshops und die Zeugnisse sind nichts als eine Adressenliste der Prophetenschulen in Wien und in anderen Städten. Ich kann nur sagen: Gehen Sie hin, hören Sie Maria Loley, die Gründerin der Bewegung "Mitmensch" oder die "Kleinen Schwestern vom Lamm" oder was in vielen Pfarren geschieht durch die Armen und mit den Armen - das sind Prophetenschulen. Aber über zwei Beispiele möchte ich etwas sagen, weil sie mir sehr nahe sind und ich fast damit prahlen möchte:

Vor zwölf Jahren - es war in der Nähe des Jubiläums eines Administrators der Erzdiözese Wien, er hieß Petrus Canisius - haben wir mit einem Bus begonnen, den uns jemand geschenkt hat, das war ein alter Chevrolet, zu den Bahnhöfen in Wien zu fahren, um den Armen, den Obdachlosen Suppe zu bringen. Wir haben den Bus zu Ehren des heiligen Petrus Canisius "Canisiusbus" genannt, aber schon am ersten Abend haben die Obdachlosen liebevoll gesagt: "Canisibus". Und so heißt es und lebt noch heute. Damals wollten wir natürlich in den kalten Nächten warme Suppe den Obdachlosen geben, aber es war klar: noch viel wichtiger ist die Wärme der Freundschaft, die wir ihnen geben können und vor allem, die wir von ihnen empfangen haben. Und so war es kein Wunder, dass wir bald zu viele Helfer hatten und zu wenig Obdachlose. Und gestern noch habe ich einen schwerkranken Mann getroffen, der damals Helfer war, und ich habe ihn gefragt: "Was war für dich das Schönste am Canisibus, an der Suppe und an den Bahnhöfen?" Und er hat gesagt, "wenn wir dann nach Hause gefahren sind und das Gebet miteinander gesprochen haben, das du uns befohlen hast. Und ich vergesse nie, dass ich seither das "Salve Regina" liebe und an es denke, immer wenn ich einen Obdachlosen sehe. Oder den Canisibus."

Nun, sehen sie, dieser Canisibus ist einer der Programmpunkte heute und ist eine Prophetenschule, die alle in Wien heute einlädt mit zu tun, um das zu lernen, was man in einer Prophetenschule lernt: zu danken, Hirte zu sein und um die Barmherzigkeit Gottes zu wissen. Wer dort nicht mitfährt, für den gibt es keine andere Adresse: jeden Sonntag am Abend im 12. Bezirk am Schedifkaplatz gibt es einen Gottesdienst, wo hunderte Obdachlose sich versammeln und wenn du dir schwer tust zu beten und fromm zu sein, geh dorthin, dort kannst du gar nichts anderes. Jesus wird dir ins Herz geschenkt von den Obdachlosen in Wien.

Noch ein zweites Beispiel: Der, der diesen Gottesdienst auch hält und mein Freund ist, er heißt Kaplan Thomas Kaupeny - auch ihm können Sie heute begegnen und nicht zufällig nennt er seinen Workshop "Kleine Propheten" (wir haben uns nicht abgesprochen!). Er sieht die Behinderten, mit denen er "Am Himmel" lebt, als jene, die ihm den Glauben schenken, er sagt sogar ihn hinein treiben in den Glauben und ihn halten. Ich glaube, der Thomas Kaupeny ist in der Stadt Wien und in der Erzdiözese ein großer Prophet. Und es würde sich lohnen ihn zu besuchen. Er ist abweisend und strubbelig wie Johannes der Täufer und andere Propheten, aber es lohnt sich ihn zu zwingen, dass er unserer Lehrer wird, weil wir von ihm die Barmherzigkeit Gottes, das Hirte-Sein und die Dankbarkeit wie von wenigen anderen in unserer Welt lernen können. Das war ein Tipp für alle.

3. Nun zum Schluss lassen Sie mich, so wie es mir aufgetragen ist, persönlich Zeugnis geben: Denn vor dem Canisibus und vor den Straßenkindern - das habe ich in der Vorbereitungszeit gemerkt - war ich auch schon in der Prophetenschule. Und zwar als Kind. Ich habe acht Geschwister, hatte gute Eltern, und wenn ich mich an meine Kindheit erinnere, dann denke ich daran, wie wir eingeteilt wurden das Geschirr nach dem Essen abzuspülen. Und das war viel bei elf Personen, die gerne gegessen haben. Ich erinnere mich auch daran, wer am Samstag eingeteilt wurde für alle die Schuhe zu putzen. Oder - das war die schwerste Aufgabe - auf die kleineren Geschwister aufzupassen. Das war meistens eine Strafe. Aber im Rückblick: es war eine Prophetenschule. Danken, Hirte-Sein und Barmherzigkeit lernen.

Eine zweite Klasse in dieser Prophetenschule in meine Kindheit war unser alter, schwieriger, konservativer Pfarrer. Ich erinnere mich, wie ich mit sieben, acht Jahren Ministrant war. Am besten in Erinnerung sind mir die frühren Roratemessen in der eiskalten Kirche, wo wir das schwere Messbuch gestemmt haben und auf die andere Seite des Altars getragen haben. Manchmal ist es oder sind wir abgestürzt. Aber wir waren stolz so eine fast überfordernde Aufgabe zu haben: Ministranten zu sein. Dienen zu dürfen.

Und noch eine dritte Klasse meiner Prophetenschule in der Kindheit: in der Schule hatten wir einen Religionslehrer, Anton Fussenegger, der hatte Jugendliche versammelt zu einem Geheimkreis. Das durfte man anderen gar nicht sagen. Und dieser Kreis innerhalb der Marianischen Kongregation hieß "Aktivistenrunde". Was war das? Jeder, der dort dazu kam, musste - streng geheim! - einen Zellenfreund haben, einen Menschen, meistens einen Klassenkamerad oder einen alten Menschen, um den wir uns kümmern mussten. Und jede Woche haben wir uns in der Sakristei versammelt und dann hat jeder berichtet, wie´s ihm mit seinem Zellenfreund geht. Mein Zellenfreund von damals weiß es heute noch nicht, dass er mein Opfer war. Und ich musste immer am Sonntag schon eine Stunde vor der Messe an seiner Haustüre warten, damit er herauskommt und aufsteht und auch in die Kirche geht. Aber obwohl er das nicht weiß, ist er vielleicht deshalb mein bester Freund aus der Schulzeit geblieben. Diese Schule, sich um einen Menschen zu kümmern, die mir diesen schönsten Weg, den man in der Kirche haben kann (ich gebe zu, es gibt viel schwerere), eröffnet hat, in der Sozialarbeit und jetzt bei den Kindern.

So will ich am Schluss den Traum sagen, den ich habe für Wien, für Europa und vor allem für die Jugend. Dass jeder das Tor in eine der vielen vorhandenen Prophetenschulen öffnet und eintritt. Dann wirst du zu einem selbstbewussten, starken, politischen Menschen, der diese Welt verändern kann, weil du die besten Lehrer hast: das sind die Armen und die Schutzbedürftigen. Wenn jeder in eine Prophetenschule findet, und das ist jetzt der Traum, dann können wir alle, dann kann jeder und jede mit unseren Straßenkindern jenes Gebet sprechen, das die Ruth ins Deutsche übersetzt hat, das unsere Kinder lieben und das wir jeden Tag beten. Es endet so - und diesen Wunsch habe ich an alle: Lieber Gott, ich danke dir für den Engel neben mir! Das soll jeder sagen können.

Pater Georg Sporschill SJ

August 2003

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