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Neujahrsansprache PGS, am 7. Jänner 2009 in Feldkirch.

CONCORDIA

Liebe Feldkircherinnen und Feldkircher, liebe Freunde aus Vorarlberg!

Der Prophet hat's nicht leicht in seiner Heimat. Trotzdem bin ich der Einladung des Bürgermeisters gefolgt, weil noch eine alte Rechnung offen war. Vor fünfundfünfzig oder sechzig Jahren, so weit kann ich schon zurückschauen, haben die Städter noch auf die Tostner hinuntergeschaut. Aber wenn ein Tostner eingeladen wird, in die Stadt zu kommen, muss er diese Einladung annehmen.

Sie haben einen Blick in meine Jugend und in mein Leben mit meinen Kindern in Osteuropa getan. Sie haben uns jeden Tag sehr viel zu sagen, nämlich von Hoffnung und Glaubenskraft, obwohl oder vielleicht auch weil sie so viel Schweres erlebt haben. Sie sind es, die mir und hoffentlich uns allen die Angst vor dem Kommenden nehmen und uns Mut machen, die neuen Aufgaben und Herausforderungen anzunehmen.

Wirtschaftskrise, Finanzkrise und Vertrauenskrise: Das sind die aktuellen Worte. Vertrauen ist in biblischer Sprache dasselbe Wort wie Glauben. Dieser Grundwert ist heute bedroht. Täglich hören oder lesen wir in den Medien von Überfremdung, von Arbeitslosigkeit und Armut, von Herzlosigkeit und menschlicher Kälte, von belasteten und überforderten Pädagogen, alleinerziehenden Müttern, Eltern. Zumindest die Medien vermitteln uns am Beginn dieses neuen Jahres schlimme Prognosen.

Wie reagieren wir darauf? Wie finden wir Halt?Wie können wir der Jugend, der kommenden Generation Halt geben, etwas von dem Halt, der uns trägt?

In den Zeiten des Wohlstandes und des Überflusses, an Materiellem, aber vielleicht noch mehr an Reizen, wurden viele Werte und viel an psychischer Gesundheit verschüttet. Und nun werden wir sehen, ob die schwieriger werdenden Zeiten uns und der Jugend noch mehr Halt nehmen werden als die guten, fetten Jahre oder ob die stärker werdenden Herausforderungen die Werte und den Halt wieder zum Tragen und zum Vorschein bringen. Ich bin Optimist und glaube, dass wir jetzt eine große Chance haben. Und die möchte ich am Beginn des Neuen Jahres ins Auge fassen. Ich möchte mir Initiativen überlegen, was wir tun können. Alle Hinweise zu den drei Initiativen haben mir Jugendliche gegeben. Sie sollten so wertvoll sein wie die Gaben der Drei Könige heute: Weihrauch, Myrrhe, Gold.

Sie haben unsere Kinder gesehen, Kinder, die einmal auf der Straße waren, Kinder, die die Eltern verloren haben, die ins Drogenmilieu geraten sind. Wenn ich mich nachts in der Gegend um den Nordbahnhof in Bukarest herumtreibe, sage ich immer: Das ist meine Pfarrei. Sie besteht aber wie jede Pfarrei nicht nur aus Kindern und schwierigen Menschen, sondern eben auch aus Hirten. Unter meinen Hirten und Erziehern sind die Volontäre aus Österreich. Das sind junge Menschen, die von zu Hause wegwollen, meistens sind es sogar eher die schwierigeren, die es zu Hause nicht mehr aushalten, denen es zu eng ist. Die kommen dann für ein Jahr nach Moldawien, Rumänien oder Bulgarien. Jedes Jahr melden sich weit über hundert, aber ich kann nur dreißig nehmen, denn sie brauchen ja auch ein Bett und in unseren Betten liegen schon Kinder und Jugendliche, die obdachlos waren. Und die Volontäre brauchen vor allem auch eine gute Begleitung, jemanden, der ihnen zuhört, denn der Alltag im Streetwork, in der Sozialarbeit ist nicht immer leicht.

Diese jungen Leute aus Österreich müssen als Erstes die Sprache lernen: Rumänisch, Russisch, Bulgarisch. Aber junge Leute schaffen das in zwei Monaten. Diese Wohlstandskinder, die fast immer aus schönen Häusern oder Wohnungen kommen, müssen jetzt zu viert in einem Zimmer leben, müssen lernen, aufzuräumen, Ordnung zu halten. Wenn man zu viert im Zimmer ist, geht es nicht ohne ein Minimum an Ordnung, vor allem wenn man dann in der Kindererziehung mitarbeiten will. Nach zwei Monaten ist das geschafft. Und dann bekommt jeder von diesen Jungen einen Schützling, eines der schwierigen Kinder, der Jugendlichen, die gerade von der Straße hereinschneien. Jeder Volontär bekommt wie ein Hirte ein Schäflein zugeordnet. Dann haben wir eigentlich nichts mehr zu tun. Zwischen dem Schützling und dem Hirten entsteht eine so starke Spannung, dass fast über Nacht eine Verwandlung geschieht. Der Hirte, der unzufrieden von zu Hause weggegangen ist, der schwierig war, der provoziert hat, wird über Nacht zu einem so strengen Erzieher, dass wir sagen müssen: Mehr Geduld, mehr Großzügigkeit! Er oder sie hat ganz vergessen, wie er oder sie noch vor wenigen Tagen war. Den jungen Leuten aus dem Wohlstand gehen in diesem harten Jahr die Augen auf. Und fast alle sagen danach: Ja, ich bin gekommen, um zu helfen und zu geben, aber ich habe viel mehr bekommen.

Diese Volontäre haben mir die drei Initiativen, die drei Gaben der drei Waisen aus dem Morgenland, gegeben. Ich will Sie an Sie weiterreichen.

Erste Initiative: Das Fremde berühren.

Beim letzten Neujahrsempfang der Stadt Feldkirch lautete das Thema "Europa und der Islam". Ich gratuliere dem Bürgermeister zu dieser Idee und möchte an die vielen guten Integrationsinitiativen, die es in unserem Land gibt, anknüpfen. Mich hat zum Beispiel sehr berührt, dass muslimische Gemeinschaften in den Dom von Feldkirch zur Begegnung eingeladen wurden. Dort haben sich Katholiken und Muslime gegenseitig die heiligen Orte erklärt. Was ist das: ein Tabernakel, ein Altar, ein Ambo? Die Katholiken hatten sicher auch einiges zu lernen, denn wer weiß schon, was ein Michrab ist, wozu das Minarett dient? Warum das so wichtig ist, hat mir heute eine Lehrerin aus Rankweil erzählt. Sie ist mit ihren Sechsjährigen aus der ersten Klasse in die Kirche gegangen. Ein Mädchen hat aufs Kreuz gezeigt und gefragt: Was ist das? Daraufhin soll ein Türkenbübli gesagt haben: Das weißt du doch, hier wohnt Jesus. So viel zu dem Thema: Traditionelle Werte gehen verloren.

Wenn ich mir die Statistik der katholischen Kirche und der Christen im Land und dann noch die Hochrechnungen bis zum Jahr 2051 ansehe, dann verstehe ich, dass der Bischof und nicht nur der Bischof nachdenklich wird. Heute ist jeder Zehnte in Vorarlberg Muslim oder Muslima, unter den Schülern sind es fast doppelt so viele. Die fremden Religionen sind im

Zunehmen. Was aber vor allem zunimmt, das sind die Menschen ohne Bekenntnis, und das wiederum vor allem in der EU. Diese Prognosen sind dramatisch, wenn es uns nicht gelingt, sie umzukehren oder zu einem guten, neuen Zueinander zu finden. Die Diskussionen über den muslimischen Friedhof in Vorarlberg sind positiv abgeschlossen, die Diskussionen um das Minarett oder das Kopftuch müssen erst noch geführt werden und dürfen auf keinen Fall den Populisten, ob aus Politik oder Medien, überlassen werden. Denn dieses Thema ist immer eine Versuchung, Stimmen zu gewinnen und Neid und Angst zu schüren. Wir haben die Fremden ins Land geholt, weil wir sie für die Wirtschaft und die Produktion gebraucht haben. Und wenn jetzt die Produktion zurückgeht und die Arbeitslosigkeit steigt, dann wird es zuerst die weniger qualifizierten Kräfte treffen und vermutlich damit wieder die Ausländer. In einer solchen Situation wird sich schon im kommenden Jahr entscheiden, ob wir Egoisten oder gute Gastgeber sind. Ich hoffe, wir sind gute Gastgeber, weil es, das sage ich ganz egoistisch, für unsere eigene Lebensqualität das Entscheidende ist. Das andere wäre tödlich. Ich hoffe vor allem deshalb, dass wir gute Gastgeber sind, damit wir unserer Jugend tragfähige Werte vermitteln und schenken können.

Ich habe meine Volontäre in den letzten Tagen immer wieder gefragt, Warum bist du aus Vorarlberg, aus einem schönen Heim und Haus, aus Arbeit und Wohlstand weggegangen und willst dieses Hundejahr in Rumänien machen? Hier folgt, was ich wörtlich mitstenographiert habe. Ein Mädchen aus dem Bregenzer Wald sagte: "Ich wollte in die Ferne und einmal etwas anderes kennen lernen. Neue Menschen, eine neue Sprache und Kultur. Daheim hat es mir nicht mehr gereicht. Es ist zu gerade verlaufen. Ich bin gern in Rumänien und werde hier interessanterweise viel mehr auf Probleme aufmerksam, die es daheim gibt, als ich es zu Hause geschafft habe." Ihr sind die Augen aufgegangen.

Ein anderer sagte: "Ich wollte aus dem Behüteten raus, weil es einfach alles gibt und alles zu einfach ist. Ich wollte weg und etwas Neues beginnen."

Das war die eine Kerbe, in die viele schlugen. Wir hören doch immer den Hinweis, die Jugend suche das Fremde. Damit stoßen wir auf einen biblischen Grundwert. In der Bibel heißt es: "Wenn bei dir ein Fremder in deinem Land lebt, sollt ihr ihn nicht unterdrücken. Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, Euer Gott." Wegen dieses Satzes hat Albert Schweitzer gesagt: Der Adelstitel des Alten Testaments ist die Fremdenliebe. Also die Liebe zum Fremden und nicht nur die Liebe zum Nächsten.

Mit dem Alten Testament verbinden wir, die wir dieses Buch nicht kennen, viel eher die Wendung "Aug um Auge, Zahn um Zahn". So haben wir das gelernt, aber wir tun damit der fremden Religion, dem Judentum, schreckliches Unrecht. Wir stellen den Sinn eines Satzes buchstäblich auf den Kopf, wenn wir "Aug um Auge, Zahn um Zahn" mit Rache und Grausamkeit verbinden. Wie war es damals tatsächlich, als dieses Wort von der Bibel geprägt wurde? Damals war die Blutrache üblich; wenn einer jemanden verletzte, kam die andere Sippe und nahm Rache, ohne auf Grenzen zu achten. Und dann kam die Bibel und sagte: "Wenn du einen Schaden angerichtet hast, kannst du nur begrenzt in der Höhe des Schadens Ersatz zurückfordern." Natürlich nicht ein Auge für ein Auge, wer hätte etwas davon? Sondern eine Ersatzsumme für den Schaden, der angerichtet wurde. Das kennen wir alle, denn es ist die Grundlage des modernen Versicherungswesens. Das wurzelt in dem Wort "Aug um Auge, Zahn um Zahn", wo Rache und Maßlosigkeit eingegrenzt und vermenschlicht wurden hin zum Ersatz und zum Frieden.

Ich habe jetzt ein kleines Beispiel genannt, wie wir einer fremden Religion - die aber eigentlich unsere Mutterreligion ist - Unrecht tun, weil wir sie nicht kennen, weil wir ihre Lehrer nicht gehört, weil wir nicht gefragt haben. Aus solchen Vorurteilen, aus solchem Nichtkennen und Umdrehen wird dann die gefährliche Saat der Angst vor dem Fremden. Diese Angst verlieren wir und, noch wichtiger, den Wert, den uns das Fremde schenkt, gewinnen wir, wenn wir es kennen lernen. Wenn wir die Fremden berühren, wenn wir mit ihnen reden und sie befragen und nicht über sie reden oder das was wir über sie gehört haben, weitersagen.

Das ist alles, was meine Vorarlberger Volontäre in Rumänien bekommen. Sie lesen nicht in der Zeitung von den Rumänen, sondern sie schließen Freundschaft mit Rumänen. Sie lernen eine uns fremde, die orthodoxe Kirche kennen. Sie lernen Menschen kennen, denen es nicht so gut geht wie uns. Und diese Begegnung mit dem Fremden stillt ihren Durst, ihren Hunger auf Neues, Fremdes. Und dann entdecken sie plötzlich, was es heißt, ein Christ, ein Katholik zu sein, welches Glück es ist, aus Vorarlberg zu kommen, eine Familie zu haben. Die Fremden öffnen ihnen die Augen für die eigene Stärke und für das eigene Beschenktsein.

Wenn ich nur einen Freund unter den anderen gewinne, dann habe ich ein vernünftiges Verhältnis zu ihnen. Wenn ich einen türkischen Freund habe, rede ich vollkommen anders über alle Türken, als wenn ich keinen einzigen hätte. Ich lade Sie ein, vor allem im Blick auf die Jugend, solche Experimente weiterzuführen. Dann wird das Fremde zur Chance und zu einem Halt, den wir unter unseren Füßen spüren.

 

Zweite Initiative: Die Armen berühren.

Die Arbeitslosigkeit steigt. Bedrohlich ist sie vor allem, wenn sie die Jugend betrifft. Arbeitslosigkeit ist nicht nur eine Job- oder Geldfrage, sondern sie reicht viel tiefer. Darum ist sie so explosiv. Es berührt die Frage jedes und vor allem des jungen Menschen: Werde ich gebraucht? Wo werde ich gebraucht? Das ist die Sinnfrage jedes Lebens. Und wenn es bei uns Vandalismus, Komatrinken, Politikverdrossenheit und Überforderung in der Erziehung gibt, dann sind das alles Symptome; an der Wurzel steht die unbeantwortete Frage dieser verletzten Menschen: Wo werde ich gebraucht?

Die Arbeitslosigkeit ist gefährlich, aber auch eine Chance. Dazu wieder drei Zitate meiner Volontäre. Die eine sagte: "Ich wollte nach Rumänien, weil ich etwas bewegen möchte. Ich will helfen und hier gefällt es mir, weil ich hier gebraucht werde. Ich kann etwas tun und das Leben von anderen retten." Eine andere meinte: "Ich will für meine Entscheidungen kämpfen. Das leichte Leben war mir zu langweilig." Und ein dritter: "Ich möchte einen Fußabdruck hinterlassen. Bei den Straßenkindern kann ich das, hier habe ich eine Aufgabe. Zu Hause weiß ich, wenn ich es nicht mache, dann macht es ein anderer oder ein Amt."

Aus diesen Zitaten ist ein zweiter Hinweis abzulesen: Die Jugend will sich sozial einsetzen. In ihren Herzen ist die Kraft verborgen, vielleicht verschüttet, aber spürbar, die die Bibel Gerechtigkeit nennt. Und Gerechtigkeit nach der Bibel meint mehr als das Recht "Wie du mir, so ich dir"; sie bedeutet den aktiven Schutz für Schutzlose, das Eintreten für andere, die mich brauchen. Ich zitiere Kardinal Schönborn, ebenfalls Vorarlberger, der bei meinem dreißigjährigen Priesterjubiläum im November 2008 meinen Jugendlichen sagte: "Es ist nicht entscheidend, ob du katholisch oder orthodox bist, nicht einmal ob du fromm bist oder nicht. Die einzige Frage, die Jesus stellt, lautet: Was hast du dem Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan? Diese Frage entscheidet im Gericht über dein Schicksal und diese Frage entscheidet heute schon über unser Glück."

Ich kann diesen biblischen Grundwert der Gerechtigkeit noch mit den Worten einer anderen Religion zitieren. In ihrem Grunddokument heißt es: "Frömmigkeit besteht nicht darin, dass ihr euer Gesicht nach Westen oder Osten kehrt, fromm ist vielmehr, wer an Gott und an den Jüngsten Tag, an die Engel, an die Schriften und die Propheten glaubt und wer sein Geld aufteilt, auch wenn er selbst Bedarf hat. Für seine Angehörigen und für die Waisen, die Armen und für die Reisenden, für die Bettler und die Gefangenen ausgibt. Fromm sind die, die ihre eingegangenen Verpflichtungen einhalten und in Unglück, Not und Gefahr standhaft sind. Sie sind es, die aufrichtig und gottesfürchtig sind." Ein Zitat aus der 2. Sure des Koran.

Ich habe ein Zitat aus dem Judentum, eines aus dem Islam und eines aus dem Christentum gebracht. Wir spüren, wie wir im Angesicht des Einen auf den einen Wert der Gerechtigkeit und auf die Chance, den Schutzbedürftigen zu schützen, sozial zu handeln, gestoßen werden. Genau das hat die Jugend im Gespür. Die Frage ist, ob es uns gelingt - und das ist eine Frage an die Schule, an die Pädagogik, die Pfarren, die Vereine -, diesen Wunsch im Herzen der Jugend zu wecken und ihm die Möglichkeit zu geben, in die Praxis umgesetzt zu werden.

Wie habe ich das gelernt? Unser Religionslehrer im Gymnasium in Feldkirch war Professor Anton Fussenegger, Fussi genannt. Eines Tages, wir waren in der sechsten Klasse, sagte er uns: "Ich brauche ein paar gute Leute, mit denen mache ich eine Aktivistenrunde. Kommt zu mir in die Sakristei der Johanneskirche und ich erkläre es euch." Ich war ehrgeizig und wollte unbedingt dabei sein.

"Fussi" sagte uns: "Jeder von euch bekommt einen Zellenfreund." Wir hatten natürlich keine Ahnung, was das war. "Ihr kriegt eine Aufgabe für die nächste Woche und dann treffen wir uns wieder und jeder berichtet, wie es ihm gegangen ist." Der eine musste für einen Tiroler oder Dornbirner Fahrschüler, der nicht genug Geld hatte, einen Kostplatz suchen. Da waren schon einmal ein paar Leute beschäftigt. Ein anderer musste für einen anderen in Latein Nachhilfe geben, weil der sich keine Nachhilfestunde leisten konnte. Einem dritten sagte er: "Merkst du nicht, wie dieser Klassenkamerad immer allein herumsteht und keinen Freund hat? Du sorgst dafür, dass er dein Freund wird."

Meine Aufgabe bestand darin, dass ich einen aus der Klasse, der nicht regelmäßig zur Messe ging -ich glaube, er war der Einzige, das waren noch Zeiten -, dazu bringen sollte, das zu ändern. Also ging ich jeden Sonntag eine Stunde vor der Kirchzeit zu dem Haus, in dem der Arme wohnte, schaute sehnsüchtig hinauf und läutete ab und zu. Irgendwann hat er sich meiner erbarmt, ist herausgekommen und mit mir in die Kirche gegangen. Und ich konnte stolz in der nächsten Aktivistenrunde von meinem Erfolg berichten.

Denen, die es nicht schafften, gab der "Fussi" neue Ideen. Manchen gab er eine leichtere Aufgabe, andere lobte er, wenn sie Erfolge hatten. Ich weiß heute nicht, ob mein "Zellenfreund" von damals noch in die Kirche geht, aber er ist aus meiner Klasse mein bester Freund geworden. So habe ich das gelernt, von dem ich lebe, neben dem, was ich aus meiner Familie mit neun Kindern gelernt habe: das Hirtenprinzip. Das heißt, die Achtsamkeit und die Verantwortung für einen einzigen anderen Menschen. Wenn man einen Armen - und nicht tausend, nicht im Fernsehen -, berührt, dann bekommt man unheimliche Kraft. Dann spürt man, wie mächtig man ist. Und das geschieht bei meinen Volontären. Der Arme, den er berührt oder der ihn berührt, weckt in ihm Kräfte.

Oft fragen mich Leute: Wie hältst du das Elend aus? Wenn ich das im Fernsehen sehe, wird mir schon schlecht. Da kann ich nur sagen: Wie hältst du das aus, es im Fernsehen zu sehen? Wenn du es aber berührst, dann wirst du überrascht feststellen, in welches Abenteuer einer Beziehung mit ungeheuer neuen Kräften du durch den Armen hineingestoßen wirst.

Unser Land Vorarlberg steht für Unternehmertum, Selbständigkeit und ökonomischen Sinn. Vom Unternehmer- und Erfindungsgeist lebt die Wirtschaft. Aber diesen Unternehmer- und Erfindungsgeist, den brauchen auch das Soziale und das Politische, letztlich auch die Kirche. Auch im Sozialen genügt es nicht, zu verwalten, hier brauchen wir auch Selbständige, die Ideen entwickeln, neue Wege gehen, genau das tun, was jeder Unternehmer tun muss, sonst geht sein Unternehmen unter. Und dafür gibt es ein neues Schlagwort: Sozialentrepreneur - Sozialunternehmer. Ich habe in einer Untersuchung gelesen, dass sich dieses Talent zum Sozialunternehmer am stärksten im Alter zwischen zwölf und zwanzig Jahren entwickelt. Das hieße also, dass wir für genau diese Altersgruppe Angebote schaffen müssen. Die Kirche kennt sie schon längst, doch im Wohlstand sind sie ein bisschen beiseite gerückt. Das sind Einsätze wie bei uns in der Aktivistenrunde, als Jungscharführer, als Ministranten, als Pfadfinder, als Gruppenleiter. Diese Leitungsfiguren, diese Sozialunternehmer zwischen zehn und zwanzig Jahren müssen wir neu entdecken, suchen und vor allem so schulen, dass sie ihr Amt ausüben können.

Ich habe einen Traum für die Zeit, die mir noch verbleibt: Ich möchte Sozialunternehmer entdecken und ausbilden.

Als ich einmal mit dem Landeshauptmann von Wien nach Vorarlberg unterwegs war, diskutierten wir auf der ganzen Fahrt ein Thema. Ich sagte damals: "Die schwierigsten Jugendlichen aus dem Wohlstand, die unsere Jugendhäuser demoliert haben, mit denen kaum ein Sozialarbeiter oder Jugendleiter fertig wurde, die müsste man eigentlich nach Rumänien oder Moldawien oder in die neuen europäischen Länder versetzen. Warum? In der fremden Umgebung und angesichts der Aufgabe und der Not werden diese wilden Typen wie die Lämmer. Nicht ich und nicht einmal meine Mitarbeiter bewirken dieses Wunder, sondern die Armen selbst und das Fremde. Wir müssen diese Jungen dann bloß noch gut begleiten, ihnen zuhören, aber wir müssen nichts tun. Es wäre toll, wenn man eine Akademie oder eine Schule entwickeln könnte, keine Sozialakademie, keine neue Institution, sondern eine Schule, wo man diese Jungen auf ihre Aufgabe vorbereitet."

Wenn ich nach Wien auf Besuch komme, bekomme ich jedes Mal, und die klingen ungefähr so: Wir haben einen Sohn, der ist überall rausgeflogen der war schon bei jedem Psychiater. Er sauft, er nimmt Drogen... Aussichtslose Fälle werden mir umgehängt. Die Leute denken offenbar, wenn er es mit Straßenkindern kann, dann kann er es vielleicht hier auch. Allerdings, die Straßenkinder sind leichter zu handhaben. Aber ich habe dann immer nur eine einzige Idee: Wenn ein Achtzehnjähriger solche Probleme hat, dann suche ich einen anderen Achtzehnjährigen oder eine Achtzehnjährige; die wären die Einzigen, die dem aussichtslosen Fall helfen könnten. In dem Alter sind die Mächtigen nicht die Erwachsenen, die Eltern, nicht die Politiker, sondern die Gleichaltrigen. Also müsste es uns gelingen, diese Gleichaltrigen zu Sozialunternehmern zu machen. Ihnen so viel Unterstützung und Mut zu geben, dass sie in eine solche Aufgabe, einen so aussichtslosen Fall hineinwagen.

Es gibt ja bereits solche Initiativen, auch hier im Land. Vielleicht könnten wir darüber nachdenken, wie wir sie fördern und stärken können, denn in Zukunft und vor allem bei der Lösung der Jugendproblematik werden wir ohne diese gleichaltrigen Sozialunternehmer nicht auskommen. Ich wüsste keine andere Lösung.

Es waren drei Gaben, die die Waisen aus dem Morgenland dem Kind - und das steht für die Jugend - brachten. Die dritte Initiative nenne ich: den Boden berühren. Der Wohlstand hat uns allen einen Überfluss an Dingen gebracht, allen, vor allem aber einen Überfluss an Reizen. Man braucht nur an die virtuellen Welten und Beziehungen über Handy oder Internet zu denken, in denen alle, vor allem die Jugendlichen, heute leben. Cyberspace ist das moderne Wort für diese virtuelle Welt. Dieser Wohlstand, dieser Überfluss wurde errungen durch einen unglaublichen Leistungsdruck, durch Konkurrenz und durch den Druck, immer mehr und billiger zu produzieren. Das hat uns materiellen Reichtum gebracht. Aber manches ist vielleicht dadurch verschüttet worden. Und das ist Herzlichkeit, menschliche Wärme und - vor allem in der Politik und im Geschäftsleben - Handschlagqualität. Das nennt man dann "professionelles Management", wenn jemand glatt und mit Lügen entlassen wird. Emotionslos, aber professionell. Was aber können wir tun, um den Vertrag und das Wort des Vertrages einzuhalten, sodass wir am Abend noch in den Spiegel schauen können und spüren können: Was ich getan habe, war notwendig, war recht?

Diese heutige Mentalität hat Einsamkeit, Bindungsunfähigkeit, Depressionen, psychische Krankheiten und vor allem überforderte Eltern und vernachlässigte Kinder im Gefolge. Diese Kinder hat ein deutscher Psychiater in einem Buch "Monster" genannt. Es sind Symptome des Leidens der Jugend am und im Wohlstand. Hier ist auch ein Schrei zu hören.

Ich habe wieder meine Volontäre gefragt, die in Länder gehen, wo Menschen hungern, buchstäblich. In Moldawien zum Beispiel haben vor allem alte Menschen nichts zu essen, keine Pflege, liegen in ihren Hütten, bis es eben zu Ende geht. Meine moldawischen Kinder, die jetzt in der Stadt der Kinder bei uns leben, sind zu mir gekommen mit den Worten: "Merkst du nicht, dass es den Alten im Dorf viel schlechter geht als uns?" Ich habe es nicht gemerkt. Wir sind mit den Kindern, die Essen brachten, in dreihundert Hütten und Häuser gegangen, und was wir dort gesehen haben, hat alles übertroffen, was ich bisher auf der Straße erlebt hatte. Seither bauen wir in Moldawien Suppenküchen auf, Sozialzentren, und die alten Leute können es nicht fassen, dass noch einmal jemand kommt und ihnen hilft.

Aber was ist das noch größere Wunder? Wir können unsere Jugendlichen kaum bremsen, sie kämpfen förmlich, wer das Fahrrad bekommt oder wer mit dem Esel fahren darf, um die Suppe denen zu bringen, die nicht mehr aus dem Haus können. Nun die Antworten meiner Volontäre, warum sie diese Arbeit tun. Zwei Zitate: "Der Wohlstand lähmt. Hier in Moldawien geht mir nichts ab, weder das Auto noch der Fernseher. Daheim war alles zu viel. Ich gehe jetzt wieder zu Fuß und weiß, wofür mir der liebe Gott zwei Beine gegeben hat. Jetzt erlebe ich eine neue Herzlichkeit und Begeisterung, wenn Menschen singen. Ein Mädchen sagte: "Ich bin weggegangen, weil ich mit dem Wohlstand, der bei uns herrscht, nicht glücklich war. In Rumänien habe ich das gefunden, was ich gesucht habe. Eine Umarmung und aus heiterem Himmel ein einfaches multumesc, das kommt aus dem Lateinischen, multum est, und heißt auf Rumänisch danke. Ein einfaches multumesc, die Fröhlichkeit in den Augen der Kinder, wenn sie ein paar neue Schuhe bekommen."

Daraus ergibt sich mein dritter Hinweis: Offensichtlich sehnt sich die Jugend nach dem einfachen Leben. Ich glaube, ohne Einfachheit gibt es auch kein Hören des Herzens, keine Herzlichkeit. Unsere Volontäre, die jetzt so primitiv leben müssen, die werden zusammengeschweißt, wie ich es aus Geschichten von Kriegskameraden oder Bergkameraden gehört habe. Das einfache Leben hat etwas zu tun mit der Herzlichkeit, mit einem hörenden Herzen.

Dazu eine biblische Geschichte: Einer der größten Könige Israels, Salomo, hatte bei Gott einen Wunsch frei. Er hätte sich alles wünschen können. Aber in seiner Weisheit bat er Gott nicht um etwas Äußeres, sondern um etwas Inneres: um ein hörendes Herz. Aber das hörende Herz verhalf Salomo zu allem Weiteren, zu politischem Erfolg, zu Reichtum und Glück in der Liebe, eben zu Herzkraft. Das Hören ist ein biblisches Zentralwort. Das Credo Israels beginnt nicht mit "Ich glaube", sondern "Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist einzig." Im Glauben geht es nicht zuerst darum, dass wir etwas wissen oder etwas tun, sondern darum, dass wir hören, dass wir offen werden für das, was Gott uns verstehen lassen und in uns bewirken will. Und Gott lässt sich auf sehr verschiedene Weise hören. Am liebsten in der Stille, in der Wüste, in der Einfachheit, bei den Armen, im Streetwork - und vor allem bei den Jugendlichen.

Noch ein Beispiel zu diesem Hören. Vor einiger Zeit verfasste ich ein Büchlein mit Kardinal Martini, der zweiundzwanzig Jahre lang Erzbischof von Mailand war, der größten Diözese der Welt, und immer wieder im Gespräch als Papstkandidat. Seit ich ihn kenne, weit über zwanzig Jahre, fragt er mich: "Was machen Ihre Jugendlichen?" Dieses Interesse des alten Mannes hat mich berührt und mir Mut gegeben, dass ich meinen Jugendlichen und den Volontären in Rumänien sagte: Schreibt eure Fragen auf, eure Meinung über die Kirche, ich bringe sie dem Kardinal nach Jerusalem.

Es waren zum Teil harte Bandagen. "Ein Blödsinn, wenn die Kirche vorehelichen Sex verbietet." "Was hat das Beten überhaupt für einen Sinn. Ist doch alles veraltet", und so weiter. "Warum beten Sie?" "Was soll der Zölibat?" "Warum ist die Kirche gegen die Homosexuellen?" Diese Fragen brachte ich dem Kardinal und legte sie ihm vor, ohne Zensur, kommentarlos.

Die Stärke des Kardinals liegt darin, den Jugendlichen zuzuhören. Im Prinzip lautete seine Antwort immer wieder: Auch ich verstehe die Welt nicht mehr. Bei uns war das anders. Aber vielleicht waren wir weniger ehrlich damals, als es die Jugend heute ist. Vielleicht haben wir den Eltern auch viel weniger vertraut, als es die Jugend heute tut. Und er erzählte mir, dass er bei einer Familie zu Besuch war und die jungen Leute ganz selbstverständlich zusammen in einem Schlafzimmer übernachteten. Seine Aufgabe war es nicht zu untersuchen, was sie da machten; er meinte, es sei doch wunderbar, wenn das Vertrauen zu und die Ehrfurcht vor den Eltern noch da seien. "Ich hoffe", meinte er, "dass dieser Weg miteinander, das Hören aufeinander uns alle so stark macht, dass wir auf einem guten Weg weiterkommen zur Erfüllung des Gebotes, dass die Familie Verantwortung füreinander bedeutet, Gemeinschaft für die Kinder, ein Heim, damit Ehe und Familie gestärkt werden."

Kardinal Martinis großes Anliegen ist es, dass die Kirche wieder das Vertrauen in die Jugend gewinnt. Er sagt: "Wir können nicht für sie die Antwort geben, wir können nur miteinander, für sie, für uns, einen Weg in die Zukunft finden." Man kann sich vorstellen, dass eine so offene Antwort andere, auch Kardinäle und Bischöfe, auf den Plan gerufen hat, die meinten, man müsse endlich wieder klar machen, wo die Grenzen sind, auch vor Sanktionen nicht zurückschrecken; man müsse vor allem die Jugend lehren und ihr sagen, was sie zu tun hat.

Pater Kripp, ehemals Jugendseelsorger in Innsbruck, hat ein Buch geschrieben, dessen Titel lautet: "Hören, was die Jungen sagen". Ich glaube nicht, dass ich in gescheiten Büchern viel bessere Weisheiten gefunden hätte als in den Antworten meiner Jugendlichen auf die Fragen, die ich ihnen gestellt habe. Unsere Aufgabe ist es, dieses Hören zu lernen, wie eine Hebamme, die lernen muss, ein Kind auf die Welt zu bringen. Sie muss das Leben nicht machen, aber darauf achten, dass es gesund auf die Welt kommt. Diese Hebammenkunst des aktiven Hörens, des Vertrauen-Schenkens, sollten wir lernen, damit der andere den Mund öffnet und vor allem sein Herz, in dem alles verborgen ist, weil Gott selbst es hineingelegt hat.

Die Liebe zum Fremden, die Liebe zum Armen und ich glaube auch die Dankbarkeit, das ist die Liebe zu Gott.

Das herauszubringen und dafür alle Initiativen, die es schon gibt, zu verstärken, das ist mein Wunsch und mein Vorschlag für meine geliebte Heimat für das Jahr 2009. Konkret zur ersten Initiative, Gastfreundschaft: Nicht über das Fremde reden, sondern es berühren, dann spüren wir, wer wir sind. Dann wissen wir, was das christliche Vorarlberg ist und vermag. Aber das braucht Experimente zum Dialog und Experimente dürfen auch scheitern.

Zur zweiten Initiative: Gerechtigkeit. Vor allem der Jugend zeigen, wo sie den Armen berühren kann, damit sie ihn spürt. Das ist das Heikelste im Wohlstand. Dazu fällt mir nichts Besseres ein als eine noch zu erfindende Schule für Zehn- bis Zwanzigjährige, in der "Sozialunternehmer" ausgebildet werden.

Zur dritten Initiative: Hören. Ich glaube, ohne das Abenteuer des einfachen Lebens in der Wüste, auf dem Berg, bei den Armen oder Fremden, wo immer, gibt es kein Hören und kein hörendes Herz, in dem all unsere Kräfte sitzen.

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