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Heimat der verlassenen Kinder

Ein Sozialprojekt in der Republik Moldau gibt 250 jungen Menschen Unterkunft und eine Zukunftsperspektive – und hilft dabei einem ganzen Dorf

Die Dinge haben sich auf den Kopf gestellt. Die Ärmsten, die Ausgestoßenen, die Verlassensten haben eswarm,wohnen säuberlich, sind satt und ordentlich gekleidet. Viele der „normalen“ Menschen in Pirita aber hocken im Kalten und hungern. Manche der Alten im Ort fühlen sich so elend, dass sie dem Besucher versichern, der Tod wäre in diesen Zeiten ein willkommener Gast, wenn er doch nur käme. Pirita, ein 3000-Einwohner-Dorf in der moldawischen Enklave Transnistrien, ist typisch für die klammen Verhältnisse im ganzen Land: die Republik Moldau hungert. Zwar werden in dem Agrarstaat Gemüse, Obst und Wein in Mengen produziert – aber nur, wenn es genug Regen gibt. Der blieb im vergangenen Jahr aus, landesweit ist fast alles verdorrt. Selbst der Mais, wichtigste Volksnahrung, reicht vielerorts gerade noch zum Heizen. Einer der großen Verlierer des Klimawandels liegt damit direkt an der Grenze der EU, zweieinhalb Flugstunden östlich von München – doch von den Europäern so gut wie ignoriert.

Nation ohne Eltern

Warm haben es hier die verlassenen Kinder. Denn in Pirita liegt die „Stadt der Kinder“, ein beispielhaftes Projekt der Concordia, des Sozialwerks des Vorarlberger Jesuiten Georg Sporschill. Der Pater hat bereits 1991 begonnen, in Rumänien Straßenkinder vom Nordbahnhof und aus der Kanalisation einzusammeln, zu speisen, zu kleiden, zu beherbergen und zu unterrichten. Auch auf die Ukraine und Bulgarien hat sein Werk inzwischen übergegriffen. In der Republik Moldau begann man vor drei Jahren mit dem Aufbau der „Stadt der Kinder“. Heute ist sie von 250 kleinen, lebhaften Wesen bevölkert, die überwiegend aus zerrütteten Familien kommen. Nur die wenigsten sind Vollwaisen. Viele haben Eltern, die schwarz in Moskau, Kiew oder Westeuropa schuften und ihre Kinder zurückgelassen haben. Ein Viertel der 4,5 Millionen Moldawier lebt außer Landes. Eine Nation ohne Eltern. Dabei werden viele Kinder im Strudel totaler Überforderung, die oft in Alkoholismus und Gewalt mündet, gänzlich entwurzelt.
Das Kinderdorf wird bald 300 Einwohner zählen. Für 120 Menschen aus der Umgebung gibt es hier für moldawische Verhältnisse gutbezahlte Arbeit. Es geht so vorarlbergerisch, so geordnet zu, dass manche der Erzieherinnen dasGefühl haben könnten, diesen Kindern ginge es besser als den eigenen zu Hause, erzählt die rumänische Leiterin. Neidreaktionen gebe es dennoch nicht, sagt Sporschill. Im Gegenteil. Pater Georg, wie sie ihn hier nennen, schildert in einem Rundbrief an Spender einen besonderen Fall: Ion, einer seiner Schützlinge, kam nach dem Tod der Eltern in die „Stadt der Kinder“. Im Kinderdorf konnte er aber seine 94-jährige Nachbarin Nadejda nicht vergessen. Jeden Samstag geht er zurück, um für sie Holz zu hacken und Wasser zu schöpfen.
Solches Engagement steckt an. Eine Bewohnerin Piritas etwa stellte bei einer Erhebung fest, dass nahezu 200 Personen im Dorf absolut hilfsbedürftig sind, nicht genug zu essen und zu heizen haben. Die alten Menschen würden umgerechnet 105 Euro Rente im Monat bekommen, doch allein die Heizung verschlinge schon 140 Euro. Daraufhin gründete die Dame eine Sozialstation: Sie presste dem Bürgermeister ein marodesGebäude ab, das renoviert wurde und nun mehr als 50 Alten als Suppenküche dient. Die Station heißt Nadejda, zu deutsch „Hoffnung“. Ein Volksfest, wie die Greise die – vom Kinderhilfswerk finanzierte – Mahlzeit und das Beisammensein genießen. Die jenigen, die nichtmehr beweglich sind, werden durch Pferd undWagen mit Essen versorgt.

Essen auf Fahrrädern

Freiwillige aus ganz Europa helfen dabei, aber auch die Kinder, Ions Kameraden. Wenn es nicht so kalt und verschneit ist wie derzeit, schwärmen sie auf Fahrrädern aus, die Spender in die Republik Moldau haben schaffen lassen: Essen auf Rädern, im elementaren Sinne.
Die Kinder, die in Pirita einst die Ärmsten waren, lassen auf diese Art die alte Generation an ihrer neuen, beinahe privilegierten Situation teilhaben. So sieht es Sporschill. Dem Beobachter kommt es vor, als sei dies der Schritt zurück ins wirkliche Leben für das Sozialwerk, das wie alle so perfekt organisierten Hilfsprojekte naturgemäß etwas abgehoben lebt, ohne dass sich das so einfach ändern ließe. Und noch etwas: Direkt neben der Sozialstation wird ein Friseurladen aufmachen. Als Pflege für die Seelen wird er mindestens sowichtig sein wie die Küche für den Leib, meinen die einheimischen Helfer.
Einer der großen Sponsoren dieses Werkes ist Hans Peter Haselsteiner, der österreichische Chef und Mehrheitseigner des Baukonzerns Strabag. Unterstützt von seinen Zulieferern hat er die Baumaßnahmen für die „Stadt der Kinder“ bewerkstelligt. Bei einem Besuch in den letzten Dezembertagen sah er dort so viel Not, dass er jetzt eine Paketaktion für Tausende der Ärmsten zum orthodoxen Weihnachtsfest am 8. Januar finanziert: Warme Socken, Tee, Maismehl, Fett – Dinge des alltäglichen Bedarfs, die hier für manche purer Luxus sind. Haselsteiner wäre bereit, 1,5 Millionen Euro für ein Netz von Sozialstationen aufzubringen, wenn sie Österreichs Finanzminister verdoppelte. In Österreich sind Spenden noch immer nicht absetzbar.
Dennoch will Haselsteiner noch tiefer in die Tasche greifen. Denn Pirita selbst hat 400 Schulkinder, die eine Schule aus Sowjetzeiten besuchen, in der die Heizung kaum und die sanitären Anlagen überhaupt nicht mehr funktionieren. 200 neue Schüler aus der „Stadt der Kinder“ sind nundazugestoßen, die mit unterrichtet werden müssen.Sporschill will die ganze Schule restaurieren lassen. Ein Millionenvorhaben, das Infrastruktur für alle schafft – und das das Kinderstädtchen noch besser in das alte Dorf integrieren würde.Dennso käme die Hilfe für die verlassenen Kleinen allen zugute.

- Michael Frank
- Süddeutsche Zeitung, 3. Januar 2008

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