Im Grunde will jeder Mensch helfen und
etwas Gutes tun - davon ist der Jesuitenpater
GEORG SPORSCHILL überzeugt. Fürdie FREIZEIT
macht er sich Gedanken über das Glück des Gebens
und die spirituellen Seiten des Reichtums.
Er nimmt die Leser aber auch auf eine berührende
Reise mit - in „seine"Stadt der Kinder.
Ion, ein Bub aus der Republik Moldau, ist erst zwölf Jahre alt. Eltern hat er keine mehr - sie starben an Tuberkulose. Jetzt lebt er bei uns, in der „Stadt der Kinder' - ein Stück Paradies im Herzen der Republik Moldau, eine Heimat für dreihundert verlassene, verzweifelte junge Menschen und Kinder ohne Vater und Mutter. Ion hat sein Glück gefunden, doch damit begnügt er sich nicht. Er will mehr: Er will es teilen und weitergeben - an einen Menschen, der genauso verlassen und hilflos ist, wie er es selbst einmal war. Nun, wir haben alle ein Herz für Kinder. Wir spenden gerne für sie, wir setzen uns für sie ein. Doch in der Republik Moldau sind die alten Menschen noch viel ärmer dran. Sie können häufig nicht mehr aus ihren Häusern, sie haben niemanden mehr, der sie umsorgt. Sie sind verlassen, am Rande einer verlassenen Gesellschaft. Die Überschwemmung vor einem Jahr hat ihre Häuser unterspült. Die Sommerhitze hat das Land versteppt. Es gibt nichts zu ernten und nichts zu essen. Ion hat sie nicht vergessen, die 94 Jahre alte Frau aus seinem Heimatdorf, namens Nadeja. Nadeja sitzt in einer Hütte, ohne Holz, ohne Wasser, ohne Essen. Nadeja heißt - auf Deutsch - Hoffnung. Jeden Samstag geht Ion zurück in sein Dorf, um ihr Holz und Wasser zu bringen. Und etwas zu essen. Nadeja weint vor Freude. Und weil sie das Gluck, welches ihr da widerfährt, nicht fassen kann. Das Besondere daran - und hier spreche ich vom schönsten Erlebnis des letzten Jahres: Eine Welle der Empathie und Begeisterung geht durch die Kinderstadt. All jene, denen einst geholfen wurde, wollen ihr Glück weitergeben und ebenfalls helfen. Alle Kinder möchten nun den Alten Suppe bringen - Wärme für den Bauch, für Herz und Seele. Wir haben Fahrräder aus Österreich bekommen, mit denen die Jungen eine warme Suppe schnell zu den Leuten bringen können. Die Kinder kämpfen um die Räder, die Hoffnung wurde bei uns zum Wettbewerb. Nadeja ist der Name des neuen Sozialzentrums im Dorf Pirita. Hier wird die Suppe gekocht und Familien in Not finden Hilfe und Zuflucht. Hoffnung ist ansteckend. Die Jungen sind doppelt glücklich - weil es gut ist, Hilfe zu empfangen. Aber es sich noch viel besser anfühlt, Hilfe zu leisten. Das berühmte Jesuswort „Geben ist seliger denn Nehmen" ist aus meiner Sicht reinste Psychologie. Es bedeutet: Wenn wir etwas für andere tun, sind wir selbst die Gewinner. Hier geht es aber auch um Reichtum jenseits von Hab und Gut. Um eine Erfahrung, die Lebensqualität und Lebensfreude bringt. Und das Gefühl mächtig statt ohnmächtig zu sein, im positivsten Sinne: Da zu sein, die Hand reichen zu können.
Ähnliches erleben wohl auch jene Jugendlichen, die als Volontäre für CONCORDIA das scheinbar warme Nest in Österreich verlassen, um ihr bisheriges Leben gegen etwas (auf den ersten Blick) Schlechteres zu tauschen: ein einfaches Zimmer, schwere Arbeit, schwierige Bedingungen, das Erlernen einer fremden Sprache. Trotzdem behaupten alle, die so ein Jahr in Rumänien, bei den Straßenkindern oder bei den Waisen in der Republik Moldau erleben durften, hier zu sich gefunden zu haben. Dabei geht es um die Sehnsucht nach einem Glück, das nicht käuflich ist und ein junges Mädchen einmal so zusammengefasst hat: „Ich mochte einmal ein Leben retten." Das sagt viel. Denn natürlich entsteht in einem Sozialstaat wie Österreich, in dem fast jeder hat, was er benötigt, bald einmal das Gefühl: Da braucht es mich eigentlich gar nicht. Das ist gefährlich. Da mache ich mir mehr Sorgen um unsere Jugendlichen als um die in Rumänien oder der Republik Moldau. Reichtum ist etwas Schönes, aber es ist nicht leicht, damit umzugehen. Er verlangt viel - Bewusstsein, im Sinne eines spirituellen Umgangs mit dem, was man hat. Nur wenn es gelingt, den Jungen zu zeigen, dass es in Wirklichkeit darauf ankommt, das Eigene zum Glück der anderen zu verwenden, kann etwas wachsen: Selbstbewusstsein, Gemeinschaftsfähigkeit, Dankbarkeit. Erst wenn sich das Gefühl entwickelt, es kommt auf mich an, jetzt geht es um meinen Einsatz - genau da aktiviert der Mensch viele, vor allem seine besten Kräfte. Mich begeistern die Jungen, die den Blick über den Tellerrand wagen - sie erfahren politische (Herzens-)Bildung durch gelebte Begegnung. Für einen Mitmenschen in einem fremden Land zu sorgen, dem es nicht so gut geht wie uns, ist ein Lernpro-zess, der zu mehr Respekt führt. Eine zutiefst sinnliche, hautnahe Erfahrung. Eine Chance, sich selbst auf die Spur zu kommen. So entsteht CONCORDIA: Zwei Herzen werden zusammengebracht.
- Aufgezeichnet und zusammengefasst von Gabriele Kuhn
Fotos von Andrea Schraml
50.000 WAISENKINDER
"Ich habe Armut gelobt und ernähre trotzdem tausende Kinder. Das kann ich. weil ich wohlmeinende Freunde habe", erzählt Georg Sporschill. Der Jesuitenpater überträgt sein seit 1991 erfolgreiches Modell der Sozialarbeit für Straßenkinder von Rumänien nach der Republik Moldau. Der Staat zwischen Rumänien und Ukraine gilt - mit durchschnittlich 50 € Monatseinkommen - als eines der ärmsten Länder Europas. Mindestens 50.000 Kinder sind Waisen, weil ihre Eltern nicht mehr leben oder im Ausland arbeiten. Ein Großteil der Bevölkerung ist zur Gastarbeit gezwungen. Zurück bleiben auch viele alte Menschen. Nun soll landesweit ein Netz von Sozialzentren aufgebaut werden, das die Versorgung von Familien und Alten gewährleistet. Mit großem Herz engagiert sich z. B. der Bauunternehmer Hans Peter Haselsteiner (STRABAG) für dieses Projekt der Zukunft. Immer wieder reist er gemeinsam mit Sporschill in die Republik Moldau, um sich persönlich, vor Ort, ein Bild zu machen. Der Unternehmer zur FREIZEIT: „Natürlich bescheren mir die Kinder dort ein großes Glücksgefühl. Doch 200 Meter weiter sieht man die Hölle - die hilfsbedürftigen Alten, brutales Elend. Da muss man alles mobilisieren, um zu helfen." Sporschill über den Baulöwen: "Ihn hat das gepackt, er hat bei sich eine Berufung entdeckt. Jetzt betreibt er das so konsequent wie den Aufbau seiner Firma." Haselsteiner unterstützt mit mehreren Millionen Euro nicht nur die "Stadt der Kinder", sondern entwickelt auch eine soziale Strategie für das Land.
Info: www.concordia.or.at
Spenden bitte an:
Raiffeisenbank Wien
Kto-Nr: 7.034.499
BLZ 32000 - KURIER - Freizeit, Jänner 2008
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