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Die Kinderfischer von Bukarest

Wie ein Vorarlberger Jesuitenpater und eine ehemalige deutsche Programmiererin ein zu Hause für mehr als 800 Kinder aus dem Boden stampften

CONCORDIA

Lidia hat sich über das Geländer des Stiegenhauses geschwungen, baumelt in etwa vier Meter Höhe über den Steinstufen, bereit loszulassen. Wenn Lidia einen schlechten Tag hat, kommt so etwas vor. Und schlechte Tage sind in ihrem Leben keine Seltenheit: aufgewachsen ist sie in einem von Nicolae Ceausescus Kinderheimen. Gewalt und Missbrauch gehörten dort zum Alltag wie für andere essen und trinken. Als die Heime 1989 nach dem Sturz des Diktators geschlossen wurden, schlug sie sich auf der Straße durch. Bis sie von einem Kinderhaus hörte, einem Platz für Straßenkinder.

Heute ist Lidia 34 Jahre alt und aus dem einen baufälligen Haus, in dem der Vorarlberger Jesuitenpater Georg Sporschill gemeinsam mit der gebürtigen Süddeutschen Ruth Zenkert im Herbst 1991 notdürftig ein Lager für den nicht enden wollenden Ansturm von Straßenkindern einrichteten, ist mittlerweile ein Netzwerk gewachsen: Concordia. Rund 800 Kinder leben in den verschiedenen Häusern in und um Bukarest und in Moldawien.

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Die Farm.  

Auch Lidia ist immer noch hier. Ihre zersprengten Zahnreihen, die Falten und Narben in ihrem roten Gesicht erzählen von den vielen Jahren, die sie zwischen Concordia und Straße pendelt. Die blauen Augen, unter der, verkehrt herum aufgesetzten Baseballkappe leuchten immer noch erstaunt und erwartungsvoll wie die eines kleinen Kindes. Wenn sie einen guten Tag hat, dann tanzt sie mit ungelenken Bewegungen, hält den Bund des dicken grauen Wollpullis fest, unter dem sie ihr ganzes Hab und Gut wie eine Hochschwangere vor sich her trägt. Lidia ist ein ewiger Gast im Sozialzentrums Lazarus. Hier, im Übergangsheim am nördlichen Stadtrand von Bukarest, zu dem lediglich eine staubige, mit Schlaglöchern übersäte Sandstraße führt, hat sie ihren Schlafplatz. Im Erdgeschoss, auf einer der, mit Kunststoff bespannten Pritschen, rollt sie sich nachts in ihrem Schlafsack zusammen.

Klare Regeln

Vor sechs Jahren haben Sporschill und Zenkert Lazarus eröffnet, geben dort seither einem ständig wechselnden Haufen von rund 90 Straßenkindern einen Schlafplatz, füttern sie durch, päppeln sie auf. Für die, die es wollen ist das Lazarus der erste Schritt weg von der Straße: den Platz in einem der Mehrbettzimmer müssen sie sich erarbeiten. Das Einzige, was sie dafür tun müssen ist, sich an die Regeln zu halten und Willen zu zeigen: keine Drogen, keine Gewalt, dafür im Haus mit anpacken. Wer nicht arbeiten will, muss den Tag auf der Straße verbringen, um die anderen nicht mitzureißen, in den Trott des Zeit Totschlagens. Diejenigen, die das schaffen, können je nach Alter und Bedürfnissen nach einigen Wochen in eine der kleineren Wohngemeinschaften ziehen, in denen Kinder und Jugendliche zusammen mit Erziehern wohnen. Oder auf die Farm, die rund 80 Kilometer nördlich von Bukarest liegt.

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Die Bäckerei der Farm. Die "Stadt der Kinder" (COC) in Ploiesti.

Stadt für Kinder

"Verglichen mit den ersten Jahren, Anfang der 1990er, läuft heute alles in einigermaßen geordneten Bahnen ab", sagt Zenkert, die früher mit Pater Sporschill in Wien Jugendhäuser der Caritas aufbaute. Was damals losgewesen sei, könne man sich heute nicht mehr vorstellen. Kinder erzählten von Polizisten, die die Kanäle mit Benzin ausgegossen und angezündet hätten. Kanäle, in denen Kinder schliefen.

Das rumänische Jugendamt arbeitet mittlerweile mit Concordia zusammen, bringt viele Kinder in eines der Häuser ehe sie auf der Straße landen. Finanzielle Unterstützung gibt es allerdings nach wie vor nicht vom Staat. Das Projekt finanziert sich lediglich über Spenden. Um die Kosten so gering wie möglich zu halten, wird auf der Farm Gemüse angebaut und in der hauseigenen Bäckerei Brot für alle Concordia-Häuser gebacken. "Ich hoffe, dass wir irgendwann soweit seien werden, dass wir einige Lebensmittelketten beliefern können", sagt die Mittvierzigerin Zenkert.

Zu idyllisch

Auf der Farm, im Dorf Aricesti, nahe 300.000-Einwohner-Stadt Ploiesti, sind an die hundert Kinder zu Hause. Sie liegt einige Autominuten hinter den Plattenbautensiedlungen von Ploiesti, zwischen denen Schafe und Ziegen grasen und wo Roma in Pferdewägen am Lebensmittelgroßhändler Billa vorbeiziehen. Hier, wo nichts an den Schmutz von Bukarest erinnert, haben Sporschill und Zenkert 1992 eine aufgelassene Kolchose gekauft, sind auf der Ladefläche eines LKWs mit Säcken voller Zucker, Mehl und Gries die eineinhalb Stunden von der Hauptstadt nach Aricesti über holprige Sandpisten gefahren und haben für die Kinder behelfsmäßige Duschen aus Gießkannen gebastelt.

Heute erinnert keine Spur an diesen improvisierten Anfang. Die Farm mutet beinahe kitschig an: Bienen summen, Kinder lachen, springen Springschnur, singen, Vögel zwitschern und die selbstangebauten Zucchini wiegen sich im Wind. In der eigenen Tischlerei, Bäckerei und Schlosserei werden Jugendliche ausgebildet, schließen mit staatlichem Diplom ab und können danach ins benachbarte Dorf ziehen. Manchen aber ist diese Idylle zu viel. Sie zieht es, so wie Lidia immer wieder zurück auf die Straße. (28.5.2008, derStandard.at, Birgit Wittstock)

- Der Standard.at, Juni 2008

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