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Frau Olga weint nach ihrer Tochter
Nach anhaltender Dürre im Sommer droht in der Republik Moldau eine Hungerkrise - Mit Care-Paketen aus Österreich soll über den Winter geholfen werden

Die Alten in den moldawischen Dörfern sind die ersten Opfer.
Hans Peter Haselsteiner und Georg Sporschill (li.) wollen helfen.

An einem eisigen Wintertag ist ein gemauerter Ofen das Herz des Hauses - wenn man richtiges Holz hat, um ihn zu beheizen. Dann weckt eine heiße Suppe die Lebensgeister. Doch wie eine Csorba kochen, wenn es im Herd kein Feuer und im Haus nichts Essbares gibt - und auch keinen müden moldawischen Lei?

Also ist Frau Olga nur die abgegriffene Decke auf dem Bett geblieben, um sich in ihrem ebenerdigen, blau getünchten Häuschen zu wärmen. Hier liegt die 75-Jährige in der dämmrigen Kälte, neben einem Wandteppich mit einem Rote-Rosen-Motiv, der an bessere Zeiten erinnert. Sie weint und klagt: "Meine Tochter soll kommen. Ich will, dass meine Tochter kommt! Wo ist meine Tochter?"

Das wissen auch Maren (23) und Angelika (20) nicht, junge Frauen, die im moldawischen 3000-Einwohnerdorf Pirita für Pater Georg Sporschills Hilfsprojekt Concordia den Besuchsdienst für alte Leute mitbestreiten. "Olgas Tochter ist weggegangen. Sie hat sich schon länger nicht gemeldet", sagt Angelika aus Bayern. Sie häuft den mitgebrachten Kartoffelsalat auf einen Teller, doch das Essen kann die Verzweiflung der alten Frau nicht brechen.

Keine Kraft mehr

Die Norwegerin Maren kämpft unterdessen erfolglos mit dem Ofen: Das Holz ist zum Brennen zu feucht und klamm. Doch immerhin kümmert sich jemand um Olga, die selber keine Kraft mehr für den Existenzkampf im ärmsten Land Europas hat. Tausende andere Alte müssen in der Republik Moldau ohne Hilfe auskommen. Ihre staatlichen Renten decken nur rund ein Zehntel ihres Bedarfs.

Die Jungen sind oftmals auf Jobsuche ins Ausland gefahren, von 4,4 Millionen Moldawiern befindet sich ein Viertel in der Fremde. Das Überleben ihrer Eltern und Großeltern steht oder fällt mit ihren "Western Union"-Überweisungen, die sie als Putzfrauen in Portugal oder Erntehelfer in Süditalien schwarz erwirtschaften. Auch die Zahl verlassener Kinder und Jugendlicher ist groß, viele von ihnen leben auf der Straße.

Zudem hat es im heurigen Jahr in Moldau, wie in der gesamten Region, von April bis August nicht geregnet. In den Gärten sind die Kartoffeln, das Gemüse und Obst vertrocknet. Jetzt herrscht in den Dörfern mit den pittoresken Häuschen im Datscha-Stil, die jedoch überwiegend ohne Kanalisations- und Wasseranschluss sind, das Elend: Eine Hungerkrise, nur zwei Flugstunden südöstlich von Wien.

Die Not könnte über den Winter noch größer werden, befürchtet Hans Peter Haselsteiner. Ende der Woche dachte der Strabag-Vorstandsvorsitzende, der schon den Aufbau von Sporschills "Stadt der Kinder" in Pirita finanziert hat, über rasche Hilfe nach. Von "2000 Care-Paketen", die in den kommenden Wochen an Bedürftige ausgegeben werden sollen, war während eines Journalisten-Lokalaugenscheins in Moldau die Rede.

Essen auf Fuhrwerken

Als Verteilungszentren böten sich die zwei Concordia-Sozialprojekte an: In Pirita, wo schon jetzt 35 Freiwillige aus ganz Europa auf Pferdefuhrwerken mit dem Logo des Ko-Sponsors Raiffeisen Essen zu den ärmlichen Gehöften bringen, und in Valeni im moldawischen Süden, wo in einem alten Schulgebäude eine Suppenküche aufgebaut wird.

Solche Aktionen seien angesichts der "zugespitzten Ernährungslage im Land" bitter nötig, meint auch Monika Feik, Moldau-Expertin der Caritas. Doch sie warnt davor, daraus Dauerlösungen zu machen: Versorgen allein gehe mit dem Risiko einher, bei den Hilfsempfängern die "Fähigkeit zur Selbstorganisation" zu ruinieren.

Haselsteiner und Sporschill jedoch haben in Moldau Umfassenderes vor. Mithilfe des Bau-Milliardärs will der Jesuitenpater, über dessen Engagement die Ehefrau des Staatschefs, Taisia Voronina, persönlich wacht, zwei weitere Sozialzentren eröffnen. Eines in dem Dorf Doroccaia, dessen Bewohner seit Ausrufung der Republik Transnistrien 1992 von Teilen ihren Felder abgeschnitten sind.

Er sei bereit, dafür 1,5 Millionen Euro herzugeben, sagt der Strabag-Chef. Mit Finanzminister Wilhelm Molterer sei er wegen einer "Verdopplung der Summe" in Verhandlung. Im Büro Molterer werden "Gespräche der drei Herren" und eine "Grundsatzeinigung" bestätigt, Summen jedoch nicht genannt.

- Irene Brickner, Pirita
- DER STANDARD, 24. Dezember 2007

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