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In der Republik Moldau wurde Mitte November im Dorf Dubasarii Vechi das erste von zehn neuen „Concordia“ Sozialzentren für ältere und Not leidende Menschen eröffnet. Finanziert wird das vom Jesuitenpater Georg Sporschill ins Leben gerufene Sozialprojekt von der Privatstiftung des Bauunternehmers Hans Peter Haselsteiner und der Republik Österreich.
Dichtes Schneegestöber, eisiger Wind, zentimetertiefe Schlammpfützen auf der ungeteerten Dorfstraße. In Dubasarii Vechi, einem 3.000-Seelen-Dorf rund 50 Kilometer außerhalb der moldawischen Hauptstadt Chisinau , sind dennoch fast alle Bewohner auf den Beinen. Dicht gedrängt, stehen sie an diesem 26. November vor dem Eingang des neuen Concordia Sozialzentrums, das an diesem unwirtlichen Vormittag feierlich eröffnet wird. Von weitem wirkt der Flachbau mit seinen roten Außenwänden mitten in der kargen winterlichen Landschaft wie ein Signalfeuer.
Vor dem Haus ist ein Altar aufgebaut. Orthodoxe Priester in ihren prächtigen Ornaten bereiten die Messe für die Segnung des Hauses vor. Die Bibel im glänzenden Metalleinband und das silberne Kreuz werden zum Schutz vor Nässe mit einem weißen Handtuch abgedeckt. Aus der Hauptstadt sind der Staatspräsident Vladimir Voronin und seine Sozialministerin Galina Balmos angereist. Das Staatsoberhaupt betont in seiner Eröffnungsrede, bei der auch der österreichische Bauunternehmer Hans Peter Haselsteiner, der österreichische Botschafter in Rumänien Martin Eichtinger und das Concordia Team rund um Pater Georg Sporschill anwesend sind, die Wichtigkeit dieser sozialen Einrichtung, die den „alten und Not leidenden Menschen in dieser Region wieder eine Hoffnung geben wird.“
Das Zentrum Dubasarii Vechi ist das erste von zehn Neubauten, das die Concordia im Land errichtet hat. Der Jesuitenpater Georg Sporschill engagiert sich nach Rumänien und Bulgarien mit seinem Sozialprojekt seit zwei Jahren auch in der Republik Moldau. Finanziert wird das Bauvorhaben je zur Hälfte von der Republik Österreich und der Privatstiftung von Hans Peter Haselsteiner, Chef der Strabag. Gesamtinvestition: 10 Millionen Euro. Bis Mitte des nächsten Jahres wird das Unternehmen abgeschlossen sein. 150 alte Menschen werden in Dubasarii Vechi täglich mit warmem Essen versorgt, haben hier einen Treffpunkt, können gemeinsam spielen, musizieren aber auch über ihre Sorgen, Ängste und Nöte sprechen.
Die Architektur im Inneren versprüht Wärme und Geborgenheit. Der Gebäudekorpus wurde aus Fichtenholz gezimmert, großzügige Glasflächen geben einen Blick in den Innenhof frei. Im Sommer sollen die Menschen im Freien sitzen. Im hinteren Teil des Zentrums stehen Schlafstellen für die Kranken oder nur Erschöpften zur Verfügung. Sie finden hier Ruhe, bekommen eine medizinische Versorgung. Dazu kommen modernste Sanitäranlagen und eine Toilette für Behinderte.
Die Küche geht in den offenen Speisesaal über. Dreißig, vierzig Menschen haben sich schon versammelt, warten geduldig auf das Essen, trinken süßen schweren Rotwein, der zur Feier des Tages ausgeschenkt wird und für den das Land weit über seine Grenzen hinaus berühmt ist. Die Tische sind festlich geschmückt, in der Küche dampft das fertige Festmahl. Es sind fast nur Frauen im Raum, bunte Kopftücher schmücken ihre Häupter. Ihre Männer sind schon lange tot. Verwandte gibt es keine mehr. Kinder, die vielleicht im Ausland leben, verdienen zu wenig Geld, um auch nur ein bisschen was nach Hause schicken zu können. „Es werden hier nur Menschen versorgt, die niemanden mehr haben und ganz alleine sind,“ erklärt Angela King, die für Concordia in Moldawien arbeitet und auch das hiesige größte Kinderheim leitet.
Eine davon ist Elena. Der Mann der 68-Jährigen ist vor 12 Jahren gestorben. Sie hatten eine kleine Landwirtschaft. Der gemeinsame Sohn wurde nicht einmal 45 Jahre alt. Krebs, sagt sie. Zwei, drei Kilometer von hier wohnt sie. Ein kleines feuchtes Häuschen. Vom Spätsommer an ist ihre einzige Beschäftigung, Brennholz zu sammeln, das kaum über den Winter reicht. Sie geht sonst selten aus dem Haus, manchmal nur ein Mal im Monat, um das wichtigste im Lebensmittelladen zu besorgen. Elena freut sich, wieder unter die Leute zu kommen. Sie war schon lange nicht so glücklich. „Wer gehen kann, kommt zum Essen in das Sozialzentrum, wer sein Haus nicht mehr verlassen kann, wird per Fahrrad oder Pferdekutsche mit einer warmen Mahlzeit versorgt,“ sagt Angela King.
Gerade einmal sechs Wochen hat es gedauert, das Zentrum aufzubauen. Die schnelle Fertigstellung wurde durch eine neue Bauweise, nach dem Baukastenprinzip Lukas Lang Building Technologies errichtet. „Sie müssen sich das wie bei einem Legohaus vorstellen, es besteht aus kleinen Modulen, die sich nach individuellen Bedürfnissen zusammen bauen lassen“, erklärt Christoph Prutscher, Geschäftsführer des Unternehmens.
Junge Mädchen und Burschen aus dem Ort, die hier als Volontäre arbeiten, wieseln durch den Speiseraum, schenken Wein und Wasser nach, bringen das Essen zum Tisch. Gekochte Kartoffeln mit Champignons aus der Dose, eine Art Blätterteig mit Kartoffelmasse, Krautrouladen, gefüllt mit Reis, gewürzt mit viel Dille. Einfach, aber es schmeckt. Eine Kapelle spielt moldawische Weisen, die Frauen singen Loblieder. Es sind Melodien, die ins Ohr gehen. Der Präsident und seine Entourage mischen sich unter die Leute, teilen das Essen, prosten einander zu. Es ist eine fröhliche Gesellschaft, die für einen Augenblick die Tristesse und die Armut des ausgehungerten Landes, in dem rund 70 Prozent der Menschen arbeitslos sind, vergessen lässt.
„Die politischen Ereignisse im letzten Jahrhundert haben es mit Moldawien nicht gut gemeint. Es ist für uns im Westen ein Verpflichtung, dieser Region zu helfen“, sagt Hans Peter Haselsteiner. Vor der Eröffnung des Zentrums wurde er in der Hauptstadt im Präsidentenpalast mit dem „Ehrenorden“ der Republik Moldau für seine sozialen Verdienste um das Land ausgezeichnet. Es ist die zweithöchste Auszeichnung des Landes. Vor zwei Jahren hat der Bau-Tycoon in Pirita, einem Dorf an der Grenze zur international nicht anerkannten Republik Transnistrien, die „Stadt der Kinder“ der Concordia mitfinanziert und die Bauleitung übernommen.
Heute bietet das Dorf 300 Waisenkindern ein neues Zuhause. Es ist eine Enklave der Hoffnung im ärmsten Land Europas. Im Waisendorf wurde auch die Idee, für die alten Menschen im Land etwas zu tun, geboren. „Es waren die Kinder, die zu uns gekommen sind und uns gefragt haben, warum wir nicht auch den verlassenen Alten in den Dörfern helfen“, sagt Pater Georg Sporschill.
23 Suppenküchen und zwei kleinere Sozialeinrichtungen wurden seitdem verstreut über das ganze Land gebaut, die sich schnell zu sozialen Treffpunkten in den Dörfern entwickelt haben „Wir versorgen jetzt schon Hunderte Menschen“, sagt Angela King. Mit den zehn neuen Einrichtungen werden es mehrere Tausend sein. Die Concordia schafft so auch Dutzende neue Arbeitsplätze und kurbelt die Wirtschaft in den jeweiligen Ortschaften an.
„Der Staat hat zu wenig Geld, um sich um die ältere Bevölkerung zu kümmern“, sagt Sozialministerin Galina Balmos. Seit zwei Jahren ist die Alleinerzieherin von zwei Buben im kommunistisch regierten Moldawien im Amt. 30 Euro Pension im Monat bekommen heute Bauern, 43 Euro sind es für Angestellte, ein Lehrer verdient gerade mal 50 Euro. Balmos sitzt gemeinsam mit Hans Peter Haselsteiner, Pater Georg Sporschill und dem österreichischen Botschafter an einem Tisch im Casa Maria, einem der zwei kleineren Sozialeinrichtungen für Senioren, das die Concordia vor mehr als einem Jahr in Moldawien errichtet hat. Kein Neubau wie in Dubasarii Vechi, sondern ein altes, früher völlig desolates Haus, das die Strabag von Grund auf renovierte. In einem hellen, freundlichen Raum haben sich rund 20 Senioren eingefunden. Die Tische sind mit Blumen geschmückt. Die Stimmung ist fast schon ausgelassen. „Heute feiern wir zwei Geburtstage“, sagt die Leiterin. Ihr Sohn schenkt Wein aus. Er hilft manchmal unentgeltlich mit. Der Küchenjunge kommt aus der „Stadt der Kinder“. Er wird hier als Koch ausgebildet.
Ein Harmonikaspieler stimmt ein „Happy Birthday“ an. Die Menschen singen begeistert mit. Maya, eine 76-jährige Rentnerin, schnappt sich einen der wenigen Männer aus der Runde und beginnt zu tanzen. Die Ministerin freut sich und klatscht: „Schauen Sie, wie glücklich die Leute sind, sie tanzen wieder, sie fühlen sich nicht mehr wertlos, sie sind hier wieder ein Teil der Gesellschaft und müssen nicht mehr alleine zu Hause dahinsiechen.“ Die Leiterin des Casa Maria ist stolz auf ihr Haus. Sie lebt die meiste Zeit allein. Der Mann arbeitet in Russland auf dem Bau. Wie alle Männer hier in der Gegend. „Es gibt keine Arbeit. Alle gehen weg, nur die Alten und die Kinder bleiben. Mein Mann kommt nur alle drei, vier Monate nach Hause“, sagt sie. „Das Land braucht Hilfe aus dem Westen, dass wir wieder auf die Beine kommen.“
„Früher waren wir die Kornkammer der UdSSR“, erzählt die Dolmetscherin der Ministerin. „Wir lieferten Getreide, Wein und Obst in die gesamte Sowjetunion. Nach der Unabhängigkeit haben sie die Kolchosen zerschlagen und jedem Bauern ein Stück Land gegeben. Sie haben aber vergessen, ihnen auch Maschinen für die Bearbeitung zu überlassen. Alles ist zusammengebrochen, heute bewirtschaften wir unsere Böden mit einfachsten Mitteln, wie vor Hundert Jahren.“
Ein alter Mann mit roten Backen und nur mehr wenigen Zähnen im Mund versucht, sich bei Hans Peter Haselsteiner für „dieses Geschenk“ überschwänglich zu bedanken. „Aber nein, ich habe zu danken“, wehrt Haselsteiner ab. „Ihr gebt mir mit eurer Freundschaft mehr zurück als ich euch geben kann.“ Er wirkt dabei wie ein kleiner Junge, der sich freut, seine Mutter mit ein paar selbst gepflückten Blumen von der Wiese überrascht zu haben. Wie ein Konzernchef mit eigenem Privatjet und Herr über 70.000 Mitarbeiter wirkt Haselsteiner jetzt nicht. Seine Zuneigung zu den Menschen ist echt, nicht gespielt. Er will nur helfen, wie er sagt. Mehr nicht. Man glaubt es ihm.
Spät am Abend in der „Stadt der Kinder“ servieren einige Mädchen des Dorfes ein Nachtmahl für die Eröffnungsgäste des Sozialzentrums in Dubasarii Vechi. Die Bauprojekte für die nächsten Monate werden heute noch besprochen. Die jungen Kellnerinnen tragen schwarze Röcke, weiße Blusen und Spitzenhäubchen am Kopf. Auch die Ministerpräsidentin Zinaida Gerciana hat sich unter die Gäste gemischt. Eigentlich hätte sie für ein nobles Galadiner in der Hauptstadt reserviert. Hans Peter Haselsteiner besteht auf ein Abendessen bei „seinen Kindern“. „Ich engagiere mich selbst sozial und fördere ein Heim für behinderte Kinder“, sagt Gerciana. Der resoluten Mitfünzigerin werden gute Chancen eingeräumt, bei den kommenden Wahlen im März den Präsidenten, der nach zwei Amtsperioden nicht mehr antreten darf, zu beerben. „Ich weiß, was es heißt, soziale Verantwortung zu übernehmen. Mir geht jedes Mal das Herz über, wenn ich meine Schützlinge besuche. Umso mehr schätze ich es, dass es auch Menschen gibt, die sich um unsere alten Menschen kümmern.“
Auch ein gravierender Missstand sollte an diesem Abend noch gelöst werden. Auf Spenden kassiert der Staat Moldawien 20 Prozent Mehrwertsteuer. Hans Peter Haselsteiner und Georg Sporschill bitten die Ministerpräsidentin, sich für die Abschaffung dieser Steuer einzusetzen. „Wir könnten um dieses Geld zwei Sozialzentren mehr errichten“, rechnet Haselsteiner vor. Zinaida Gerciana betont hingegen, wie wichtig es für Moldawien sei, dass ausländische Investoren wie die Strabag ins Land kommen. „Sie wissen, wir bieten als Anreiz keine Steuer auf den Gewinn“, sagt sie. Der Strabag-Boss kontert professionell: „Meine Firma hat derzeit keine einzige Baustelle hier im Land, unser Engagement ist rein sozial. Aber ich darf Ihnen versichern, ich würde liebend gerne Steuern auf den Gewinn, dafür aber keine auf Spenden zahlen.”
Die Ministerpräsidentin reagiert blitzschnell. Die Mehrwertsteuer auf Spenden soll schon in den nächsten Wochen abgeschafft werden. Eine entsprechende Gesetzesnovelle sei bereits in Vorbereitung sein, sickert kurz vor Abreise zurück nach Wien am nächsten Morgen aus der Hauptstadt durch.
Ein neuer Hoffnungsschimmer für ein paar Hunderte alte und hungernde Menschen mehr, in einem geschundenen Land, das nicht einmal zwei Stunden Flugzeit von Österreich entfernt liegt.
Pirita, Moldawien, November 2008
- Stefan Kaltenbrunner/DATUM
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