Die seltsame Begebenheit wiederholte sich immer und immer wieder, vor allem in der Weihnachtszeit. Kinder, die ins Sozialzentrum kamen, um zumindest einmal am Tag eine warme Mahlzeit zu bekommen, steckten heimlich Brot in ihre Taschen. Warum sie es nicht essen wollten, fragten ihre Betreuer, sie seien ja schließlich hungrig. Aber die Kinder hatten andere Pläne. Sie pilgerten damit hinaus ins Dorf, wo die Alten leben. Die hätten nämlich gar nichts zu essen. Selbst so erfahrene Helfer wie der österreichische Jesuitenpater Georg Sporschill trauten ihren Augen nicht: Zu hunderten, zu tausenden litten die Sechzig-, Siebzig- und Achtzigjährigen in ihren brüchigen Häusern still vor sich hin, bedroht von Hunger- und Kältetod. Und das nur eineinhalb Flugstunden südöstlich von Wien.
"Andere Welten"
Gefragt nach den Unterschieden zwischen der Republik Moldova (Moldawien) und seiner eigentlichen Heimat, Rumänien, muss Sporschill nicht lange nachdenken: "Das sind andere Welten. Die Unterschiede sind enorm." Und dass, obwohl das jüngste EU-Mitglied beileibe nicht zu den wohlhabenden Ländern dieses Kontinents zählt. Doch der kleine Nachbar, bepackt mit einem schweren Erbe aus der Sowjetzeit, siecht politisch, gesellschaftlich und sozial seit seiner Unabhängigkeit im Jahr 1991 dahin. Ganz besonders schlimm ist die Situation am Land, wo es zur Bestellung der von Hochwasser und Dürre gezeichneten Felder keinerlei Maschinen gibt und die Bewohner einer brutalen Tristesse hilflos ausgeliefert sind.
Vier Millionen Menschen wohnten noch vor einigen Jahren zwischen den Flüssen Prut und Dnjestr. Heute sind es nur noch drei. Der Rest ist weggegangen oder wurde unter Vortäuschung falscher Tatsachen weggelockt. Eine Million Moldawier arbeiten über ganz Europa verteilt auf Baustellen, in Weingärten oder als Reinigungspersonal; aber auch Organhandel und Zwangsprostitution steht ganz oben auf der Liste der Berufe. Was fast noch schlimmer wiegt: es handelt sich dabei um die junge Generation; jene Leute, die im Grunde dafür sorgen sollten, dass das Land wieder auf die Beine kommt. Zurück bleiben unzählige Sozialwaisen, die in desaströsen Kinderheimen, bei Verwandten oder auch oftmals auf der Straße ihr Auslangen finden müssen. Und - gezeichnet vom Leben, desillusioniert, krank, vergessen - die Senioren.
"Man muss sich das vorstellen: Dieses Elend spielt sich mitten in Europa ab", ist Sporschill, obwohl ein profunder Kenner von Armut und Not, fassungslos. Seit fünf Jahren stampft er nun schon mit seiner ständig wachsenden und derzeit rund 400-köpfigen Mannschaft der "Concordia"-Privatstiftung sprichwörtlich Hoffnung und Zukunft aus dem fruchtbaren und doch brachliegenden moldawischen Boden. Über das ganze Land verteilt hat er Suppenküchen installiert, Sozialzentren und ganze Kinderdörfer gebaut. "Ich wurde ja immer schon bedrängt nach Moldawien zu gehen, bis ich es endlich getan hab. Und jetzt komm ich einfach nicht mehr weg", sagt der Geistliche, der nahezu im Alleingang die Straßenkinderszene in Bukarest verschwinden ließ.
Große Pläne, kleines Land
Sporschill hat große Pläne mit dem kleinen Land, dass immer hörbarer an die EU-Türe klopft: "Ich will, dass Österreich so etwas wie ein Patenland für Moldawien wird. Wenn wir jetzt nicht reagieren, wäre das sehr traurig." Von der Europäischen Union sei nicht viel zu erwarten, meint der Pater: "Moldawien hat ja außer Landwirtschaft nichts zu bieten. Und für einen Sozialfall interessiert man sich in der EU eben nicht sonderlich." Sporschill interessiert sich, sogar sehr. "Man kann sich diese herzzerreißende Bereitschaft dieser Menschen, sich für etwas zu engagieren, und diese unglaubliche Gastfreundschaft hierzulande gar nicht vorstellen", sagte er während einer seiner kurzen Österreich-Aufenthalte im Gespräch mit der APA.
Bisher hat der unermüdliche 63-Jährige zehn Millionen Euro in Sozialprojekte in der Republik Moldova investiert. Maßgeblich wird er dabei vom Industriellen Hans-Peter Haselsteiner unterstützt, der mit seiner Strabag für den Bau zahlreicher Sozialeinrichtungen verantwortlich zeichnet. "Aber das reicht bei weitem nicht, wir brauchen ein Mehrfaches davon. Und ich garantiere persönlich für jeden Euro", appelliert Sporschill an die Spender.
Was mit dem Geld geschieht, kann man sich zum Beispiel in Pirita anschauen. In dem kleinen Dorf an der Grenze zur abtrünnigen Separatistenrepublik Transnistrien entstand aus einem verfallenen ehemaligen Pionier-Camp ein Kinderdorf für mehr als 300 Waisen. Und der medienerprobte Mann Gottes will auch, dass die Menschen davon erfahren. "Rumänien würde bei uns auch niemand kennen, wenn sich dort nicht unsere Wirtschaft angesiedelt hätte." Fast alle seiner 400 Mitarbeiter stammen übrigens auch aus Moldawien - für ein Land mit einer grob geschätzten Arbeitslosenrate von 50 bis 70 Prozent sowie Durchschnittslöhnen von kaum 100 Euro pro Monat ist das schon ganz beachtlich. Für seine neuen Projekte sucht Sporschill aber auch österreichisches Personal mit den Schwerpunkten Krankenhilfe, Altenpflege und Gemeinschaftswesen. Von all dem - und noch viel mehr - mangelt es nämlich in Moldawien ganz enorm.
- Kleine Zeitung, Dezember 2009 |