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Geboren im April vor vierzehn Jahren © Concordia

Das schönste Geschenk war der Kinderausweis: Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtete am 28. Juli 2001, wie es Alin Iordache, dem Straßenjungen aus Bukarest, ergangen ist.

Der Junge auf dem Bild ist vierzehn. Wann genau sein Geburtstag ist, weiß er nicht. Er weiß nur, daß er im April geboren ist. Also haben sie im April seinen Geburtstag gefeiert. Es war das erste Mal, daß sein Geburtstag gefeiert wurde, es war das erste Mal, daß für ihn ein Kuchen gebacken wurde, und es war das erste Mal, daß er zu seinem Geburtstag andere Kinder einladen durfte. Es war, wie der Junge sagt, "der schönste Tag in meinem Leben".

Vor genau einem Jahr haben wir den Jungen auf dem Fahrrad schon einmal gesehen. Damals stand er nackt und weinend an einer Straßenbahnhaltestelle in Bukarest. In seinem Anblick drückte sich für den hiesigen Betrachter das ganze Elend der Straßenkinder in Osteuropa aus, die buchstäblich nichts haben außer der Kleidung an ihrem Körper und bisweilen nicht einmal das. Man darf sagen, daß Alin Iordache an diesem Tag im Juli vor einem Jahr wohl das erste Mal wirklich Glück gehabt hat in seinem Leben. Die Tatsache, daß er in seiner traurigen Lage von einem Fotografen der Agentur Associated Press aufgenommen wurde, hat dabei wohl eine nicht unwesentliche Rolle gespielt. Wenige Tage später, nachdem unter anderem diese Zeitung über Alins Schicksal berichtete, wurde er wieder ausfindig gemacht. Er bekam einen Platz in dem von der Hilfsorganisation "CONCORDIA" betriebenen Kinderheim St. Paul. Dort lebt er noch heute, und von dort will er, wie er sagt, nie wieder weg.

In der ersten Zeit war das, wie die Leiterin von "CONCORDIA" in Rumänien, Ruth Zenkert, sagt, anders. Alin war verstört, aggressiv gegen andere und sich selbst, zugleich unsicher und ängstlich, nicht fähig, sich einzufinden und einen normalen Kontakt zu seinen Mitmenschen aufzunehmen. Wenn sich ihm jemand in guter Absicht näherte, etwa um ihn in den Arm zu nehmen oder zu streicheln, zuckte Alin zurück, wohl in der Erwartung, Schläge zu bekommen. Allein Schläge und sexuellen Mißbrauch hatte er in den eineinhalb Jahren zuvor erlebt, in denen er auf den Straßen von Bukarest lebte. 1999 sei Alin seiner Familie davongelaufen, sagt Ruth Zenkert, aus wohl naheliegenden Gründen. Erzählen will er von seiner Verwandtschaft bis heute nicht, weil es für ihn zu schmerzhaft sei, ihn immer noch traumatisiere und er zudem fürchte, daß er eines Tages zu seinen Eltern zurückgeschickt werden könne. Und nichts fürchtet Alin Iordache mehr als das.

Im Kinderheim St. Paul lebt Alin in einer von drei Familiengruppen zusammen mit rund dreißig anderen ehemaligen Straßenkindern. Sie haben dasselbe erlebt wie er, und durch den langsam sich entwickelnden Kontakt und die Freundschaft zu ihnen ist es Alin möglich geworden, über das eine oder andere zu sprechen, was ihm widerfahren ist. Daß er ein eigenes Bett, ja sogar eigenes Spielzeug bekommen hat, mochte er, wie Ruth Zenkert erzählt, gar nicht fassen. Sein ein und alles ist das Fahrrad, mit dem er verwegen durch die Straßen pest, auf denen er zuvor sein Dasein als Heimatloser fristete.

Was ein Jahr liebevoller Betreuung vermag, ist an Alins Beispiel abzulesen. Aus dem Jungen, der am liebsten ausreißen und sogar aus dem Fenster springen wollte, der sich nicht für zwei Minuten oder auf die kleinste Aufgabe konzentrieren konnte, ist ein wißbegieriger und lernwilliger Teenager geworden. Im ersten Anlauf, im vergangenen Herbst, mußte er die Schule wieder verlassen, weil er den Unterricht unmöglich machte. Also wurde er in St. Paul einzeln unterrichtet. Nach wenigen Wochen konnte er dann tatsächlich in die Schule gehen und den Lehrern folgen. Heute kann er lesen und schreiben und rechnen, was ihm, wie Ruth Zenkert berichtet, große Freude bereitet. Vielleicht kommt er bald auf die Kinderfarm, die "CONCORDIA" in der Nähe der Stadt Ploiesti betreibt, sechzig Kilometer von Bukarest entfernt.

Dort leben die Kinder in kleinen Gruppen in eigenen Häusern, und dort werden sie in Werkstätten ausgebildet zum Bäcker, Tischler oder Installateur. 400 Kinder betreut "CONCORDIA" derzeit insgesamt, sie leben im Heim St. Paul in Bukarest, in dem gleichartigen Kinderhaus in Ploiesti, dem dortigen Babyhaus für Kinder im Alter bis zu eineinhalb Jahren, dem Haus für bald schon erwachsene Mädchen oder in den zahlreichen Wohngruppen, die "CONCORDIA" in den beiden Städten unterhält. Hinzu kommt die Sozialstation in Bukarest, in der Kinder tagsüber zumindest eine Anlaufstelle finden, etwas zu essen bekommen, duschen oder einfach mit jemandem sprechen können, nicht zu vergessen die zahlreichen Sozialarbeiter, die auf den Straßen unterwegs sind, um den dort immer noch zu Tausenden lebenden Kindern Ansprechpartner zu sein. 120 Menschen arbeiten für die Organisation "CONCORDIA", bis auf eine Handvoll sind es Rumänen, einige von ihnen teilten vor Jahren noch das Schicksal der Kinder, die sie nun betreuen. Ihr Engagement lohnt sich, wie das Beispiel von Alin zeigt, und es wird sich erfreulicherweise noch erweitern können. In der Stadt Ploiesti sind vier weitere Häuser in Planung, in denen insgesamt 96 Kinder Obdach finden sollen, am Rande der Stadt werden eine Turnhalle und eine Halle für die Ausbildung der Jungen und Mädchen gebaut, die schließlich in ein selbstverantwortlich gestaltetes Leben entlassen werden sollen, mit einer Schul- und möglichst auch Berufsausbildung. Die große Familie aber, in die sie aufgenommen wurden, möchten die meisten denn doch nicht missen, und so sind etliche Wohngemeinschaften mit "Ehemaligen" entstanden.

Wenig verändert aber habe sich die Lage der nach Hunderttausenden zählenden Straßenkinder in Rumänien insgesamt, sagt Ruth Zenkert. Immerhin: Es sei nicht schlimmer geworden. Den staatlichen Kinderheimen, wo, wie Kinder berichten, es häufig zu Übergriffen komme, fehle schlicht das Geld. Der gute Wille sei erkennbar, inzwischen auch in der Zusammenarbeit mit den Kommunen. Die neuen Häuser in Ploiesti zum Beispiel würden auf staatlichem Grund gebaut. Eines Tages sollen sie in öffentliche Hände übergehen, wenn die Umstände danach sind.

Bis Alin sein Leben vollständig selbst im Griff habe, sei es noch ein weiter Weg, sagen seine Erzieher. Doch habe er es schon vermocht, seine große Energie vom Zerstörerischen ins Positive zu wenden. Es dränge ihn nun mit aller Macht, die Welt zu erobern, die ihm zuvor verschlossen war. Das schönste Geschenk zu seinem vierzehnten Geburtstag sei ihm der Kinderausweis gewesen. Ein amtliches Stück Papier mit seinem Bild und seinem Namen: Alin Iordache, geboren im April 1987 in der Stadt Roman. Der Rest ist unbekannt.

28. Juli 2001

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