BUKAREST. Ihr Vater hat sich umgebracht, bevor sie geboren wurde. Ihre Mutter hatte dann einen Freund. Als sie sieben war, hat sie dieser Mann das erste Mal vergewaltigt. Als sie zehn war, verging sich ein anderer "Freund" der Mutter an ihr. Damals ist Carmen von zu Hause weggelaufen - nach Bukarest auf die Straße.
"Hass! Das ist das erste, was ich fühle, wenn ich an meine Eltern denke", sagt die heut 24jährige. Dabei hatte sie Glück. Carmen fand einen Ausweg aus der Tristesse mit Hilfe des Sozialvereins CONCORDIA des österreichischen Jesuiten Pater Georg Sporschill. Er holte sie von der Straße und brachte sie in der "Farm der Kinder" in Aricesti unter. Nach schwierigen Jahren ist Carmen heute selbst Sozialarbeiterin bei CONCORDIA.
"Ihr ist es zu verdanken, dass unser Street-Workteam-Programm zu funktionieren begann", sagt Claudiu State, ebenfalls Sozialarbeiter und unmittelbarer "Chef" von Carmen bei CONCORDIA. "Sie genießt das Vertrauen der Kinder und Jugendlichen auf der Straße, weil sie fast alle persönlich kennt." Und Carmen selbst erzählt: "Mit den Straßenkindern ziehe ich an der selben Zigarette, trinke mit ihnen aus dem selben Glas, und ich fürchte mich nicht vor Läusen."
Mit elf lief Carmen von zu Hause fort. Dass sie floh, weil ihr Stiefvater sie sexuell missbrauchte und ihre Mutter sie misshandelte, wenn sie darüber klagte, erzählt sie nur sehr stockend. Noch heute erinnern sie Narben auf ihrem Körper an die Strafen ihrer Mutter.
Mit zwölf kam Carmen nach Bukarest. Sie wusste nicht, wohin. Deshalb täuschte sie fürchterliche Schmerzen vor, wurde in ein Krankenhaus eingeliefert und operiert. Nach der Entlassung landete sie wieder auf der Straße. Nur zeitweilig fand sie in staatlichen Kinderheimen Unterschlupf. Dort hat sie gelernt, dass nur diejenigen über die Runden kommen, die über sich zu verteidigen wissen. Den anderen Kindern hat sie deshalb gedroht, sie würde ihnen Schnittwunden zufügen.
Als Carmen 16 war, brachte sie Madalin zu Welt. Den Vater, einen Schläger-Typen, hatte sie sich ausgesucht, um sich vor Vergewaltigungen und Brutalitäten anderer zu schützen. "Er hat mich geschlagen, aber ich habe es ertragen, denn es war besser, nur einer schlug mich, als es hätten alle getan."
Das Gesetz der Straße - Mädchen, Kleine, Schwache kassieren Schläge - hat Carmen damals kennen gelernt. Madalin wuchs auf der Straße auf. Sein "Zuhause" war im Winter der Kanal und im Sommer ein Park oder eine Baracke. Mit zwei Jahren hat ihn der Kindesvater für sich beansprucht. Er wollte ihm eine Hand brechen, damit er ihn zum Betteln schicken konnte. Carmens Blick wird traurig, als sie davon erzählt.
Mit 21 kommt die Wende: Pater Georg und Claudiu holen sie von der Straße. Sie wird Sozialarbeiterin. Heute leitet sie eine Wohngemeinschaft mit acht Kindern, darunter auch ihr leiblicher Sohn Madalin. Tagsüber arbeitet sie in einem Sozialzentrum von CONCORIDA. Carmen spricht von einem Wunder. Und Claudiu sagt über sie: "Heute ist sie die beste Sozialarbeiterin, die ich kenne."
Doch eine ganze Reihe von Carmens Freunden sind auf der Straße geblieben. "Bei der jetzigen wirtschaftlichen Situation Rumäniens ist einfach nicht genug Geld da, um genügend staatliche Einrichtungen für die Wiedereingliederung dieser Menschen in die Gesellschaft zu betreiben", weiß Claudiu, der sich trotzdem von früh bis spät bemüht, Straßenkindern einen Weg zurück ins normale Leben zu zeigen.
Fast 400 Kinder hat CONCORDIA schon von der Straße geholt und ihnen ein Zuhause, Erziehung und teilweise sogar berufliche Ausbildung gegeben unter Bedingungen, die unerreicht sind in Rumänien. Zwar bemüht sich auch der Staat in letzter Zeit vermehrt um die Straßenkinder - die staatlichen Kinderhäuser seien besser geworden, heißt es allgemein. Trotzdem gibt es Schätzungen zufolge noch immer etwa 5000 Kinder allein in Bukarest auf der Straße leben. Carmen sagt dazu nur: "Ich muss ihnen helfen. Sie haben sonst niemanden."
4. Dezember 2001 |