"Mami" - so wird die Erzieherin von allen, ob Kinder oder junge Erwachsene, genannt - schenkt Suppe ein, zwei von den kleineren halten ihre Teller hin und stellen sie dann auf den Tisch. Zuerst wird gebetet, dann gegessen - und mit Appetit. Der 18jährige Ion brüstet sich, er habe schon einmal im Restaurant gegessen, "so wie es sich gehört", und schielt dabei auf den kleinen Petre, der beide Ellenbogen auf den Tisch aufgestützt und verträumt seine Suppe löffelt.
Auch in den anderen drei Häusern, die zum COC gehören, sitzt man "familienweise" bei Tisch, je zwölf Kinder und Jugendliche und ein Erzieher, Mann oder Frau. Die jungen Menschen sind erst seit knapp zwei Monaten hier und leben sich langsam ein. Am 17. März soll die Einrichtung feierlich eröffnet werden. Staatspräsident Ion Iliescu hat seine Teilnahme zugesagt. Was in der jüngsten Einrichtung des Sozialvereins CONCORDIA abläuft, hat man schon in der "Farm der Kinder" in Aricesti, 20 Kilometer weit von Ploiesti, ausprobiert. Es geht darum, Straßenkinder nicht nur ein Zuhause, sonder auch eine Ausbildung zu bieten. Im COC sollen Installateure und Elektriker ausgebildet werden, in Aricesti gibt es eine Tischlerei, eine Bäckerei und eine Schlosserei.
Letztes Jahr feierte der CONCORDIA Verein sein zehnjähriges Bestehen. Damit hatte der Wiener Pater Georg Sporschill nicht gerechnet, als er 1991 vom Jesuitenorden mit dem Auftrag nach Rumänien geschickt worden war, sechs Monate lang die Bukarester Straßenkinder zu betreuen. Aus dem halben Jahr wurden zehn Jahre, und mittlerweile darf er rund 500 junge Menschen "seine Kinder" nennen.
Auch Projektleiterin Ruth Zenkert spricht von "meinen Kindern" und antwortet auf die Frage, wieso sie in Rumänien tätig geworden sei, "ich bin dort zuhause, wo ich gebraucht werde". Das hatte sich vor zehn Jahren auch Gerlinde Gabler-Braun ähnlich auf die Fahne geschrieben, als sie sich entschloss, aus Siegen in Deutschland nach Rumänien zu gehen. Und sie feierte dieses zehnte Jahr, indem sie die Geburtshelferin spielt beim neuesten Projekt des von Vater Georg Sporschill gegründeten CONCORDIA Sozialvereins zur Unterstützung von Straßenkindern in Rumänien - eben dem COC.
Seit Mitte November 2001 wurden 76 Kinder und Jugendliche, die zwischen 8 Monaten und 25 Jahren alt sind, im COC aufgenommen. Sie kommen aus Waisenhäusern und aus Tagesstätten für Straßenkinder. Für 100 Personen ist Platz in den vier Gemeinschaftshäusern. Alle Erwachsenen, die auf das Gelände kommen, seien es Erzieher oder Besucher, werden je nach Geschlecht mit "Mami" oder "Tati" angesprochen, aber alle werden aufs Freundlichste begrüßt.
Ein überdachter, schmaler Weg führt an den vier Häusern vorbei bis zur Sporthalle. Vor jeder Haustür gibt es eine mehr oder weniger korrekt hingekritzelte Aufschrift: "Descaltati-vajos (lasst die Schuhe unten)!". Im COC sind nämliche die Kinder für Reinlichkeit zuständig, und daher sorgen sie auch dafür, dass sie gewahrt wird. Werktags betreuen drei Erzieher schichtweise je eine Familie", am Wochenende ist nur eine Erzieherein pro Familie im Einsatz. Eine von ihnen kommt aus Hermannstadt: sie fährt an jedem Wochenende nach Ploesti, um im COC Kinder zu betreuen. Ihre eigenen zwei Kinder seien schon außer Haus sagt sie, und sie habe noch Energie übrig.
Projektleiterin Zenkert, eine Deutsche, die in Wien die Obdachlosenarbeit aufgebaut hat, sagt rückblickend auf die zehn Jahre in Rumänien, man habe sie anfänglich mit viel Misstrauen empfangen. "Es hieß, wir seien Spione, wir wollten unsere Spionagetätigkeit mit Kinderheimen tarnen. Man hat uns einfach nicht geglaubt, dass wir nur den Kinder helfen wollten und keine andere Ziele hatten. Inzwischen ist das Vertrauen gewachsen. Allerdings wünschten wir, dass die Zusammenarbeit mit den Behörden offener und besser wird." Ein Problem ist auch die Anpassung der staatliche verordneten Regelungen an die Anpassung der staatlich verordneten Regelungen an die Arbeitsweise in den Einrichtungen des CONCORDIA-Vereins. Laut staatlichen Vorschriften müsste u.a. jede Gruppe über drei Kühlschränke verfügen, man müsste jedes Pfefferkorn aufschreiben, das in die Suppe gelangt, usw. Eine bürokratische Behinderung humanitärer Arbeit.
Wer in die Häuser der CONCORDIA komme, hänge, so Frau Zenkert, vom "Glück der Begegnung" ab - der Begegnung mit ihr oder einem der Streetworker, die die Straßenkinder betreuen. Und natürlich davon, ob in einem der Häuser ein Platz frei ist.
Nach zehnjähriger Tätigkeit in Rumänien stellen sich die CONCORDIA Mitarbeiter die Frage: " Wer hat mehr Gewinn - die Kinder, denen geholfen wurde oder wir, die wir ihnen helfen dürfen?" Der Satz steht in dem Prospekt, der ihre Arbeit vorstellt.
8. Februar 2002 |