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Ein Nest für rumänische Straßenkinder © Concordia

Zwölf Babys krabbeln auf dem Boden des Wohnraums herum. Die vier Betreuerinnen haben alle Hände voll zu tun, die quirlige Schar zu beaufsichtigen und zu wickeln, zu kosen und zu füttern. Drei Schlafräume stehen für die Winzlinge zur Verfügung, in jedem stehen vier weiße Gitterbetten. Eines der Häuser in der neuen "Stadt der Kinder" in Ploesti ist zu einem neuen Zuhause für Babys geworden. Vor einigen Monaten hatte die Stadt Ploesti Pater Georg Sporschill ersucht, 22 Babys aus einem staatlichen Heim zu übernehmen. Hier haben sie nun ein wirkliches Heim gefunden.

Vor zehn Jahren war Georg Sporschill von seinem Orden, den österreichischen Jesuiten, auf ein paar Monate nach Rumänien entsandt worden. Nach sechs Monaten dachte er aber nicht daran, wieder nach Österreich mit seinen kleinen Sorgen zurückzukehren. Er fand in Rumäniens Straßenkinder sein großes Lebensthema und baute die erfolgreichste und faszinierendste humanitäre Aktion auf, die Österreicher derzeit irgendwo in der Welt setzen.
Am Wochenende hat gleichsam auch der äußere Glanz dieses Engagement eingeholt. Sporschill eröffnete in Ploesti mit einem großen Kinderfest und tausend Gästen das bisher größte Zentrum für seine rumänische Kinderarbeit. Vier neue Häuser, eine Sporthalle und Lehrwerkstätten geben 96 rumänischen Kindern und Jugendlichen ein neues Daheim. Der rumänische Staatspräsident Ion Iliesu war gekommen, um zu danken; der sonst so forsche niederösterreichische Landeshauptmann Erwin Pröll sprach mit Tränen in den Augen vom bewegendsten Tag seines Lebens; Raiffeisen-Chef Christian Konrad führte eine Gruppe von spendenfreudigen Wirtschaftsexponenten an; zwei "Presse"-Redakteure waren als Vertreter der Leserschaft gekommen, die seit vier Jahren bei den Weihnachtsaktionen regelmäßig wachsende Geldbeträge gesammelt hat, um den nun schon 400 von Sporschill betreuten Kindern auch das tägliche Brot zu sichern. Während sich für den Neubau eines Kinderhauses ja relativ leicht Spender finden lassen, wird die tägliche Grundfinanzierung immer mehr zum Hauptproblem für CONCORDIA, den von Sporschill gegründeten Verein.
Wer wirklich wissen will, was dessen Kinderarbeit heute noch immer heißt, sollte aber nicht an schönen Festen Maß nehmen. Der sollte eines Abends mit Sporschill in einen Park beim Bukarester Bahnhof gehen. Der bärtige Vorarlberger und ein Helfer schleppen zwei Stöße mit Schachteln voller duftender Pizzen an. Plötzlich tauchen in dem dunklen Park Dutzende wilde und schmutzige Gestalten auf: Sie klettern aus den Kanalschächten nach oben, umdrängen Sporschill und greifen nach den Schachteln, bis dieser ein paar Sätze auf Rumänisch spricht. Plötzlich wird es leise, und die Jugendlichen sprechen das Vaterunser. Dann bekommt jeder eine Pizza. Das hindert manche nicht weiter an dem Plastiksäckchen zu schnüffeln, in dem Klebstoff als billiger Rauschgiftersatz ist. Das hindert die meisten auch nicht, nach Abgang von Sporschill und Begleitung wieder ihren Existenzkampf fortzusetzen. Dessen Eckpfeiler: Kinderprostitution, Drogen, Kleinkriminalität und zum Schlafen die unterirdischen Abwasserkanäle. Manche der Kinder sind noch im Vorschulalter (was nicht heißt, dass irgendeiner der Älteren eine Schule besuchen würde), andere sind schon erwachsen. Alle sind aber heimatlos, von ihren Eltern ausgestoßen worden, Heimen oder prügelnden und saufenden (Stief-)Vätern entlaufen oder Opfer des Gefängnisaufenthaltes der Eltern.
Dennoch darf man dem bitterarmen Land nicht Unrecht tun: Seit eine Stabilisierung der Wirtschaft geglückt ist, beginnt endlich auch die Zahl der Straßenkinder abzunehmen. Aber noch immer warten Hunderte auf einen Platz. Vor allem aber dauert es zehn Jahre oder länger, bis jedes aufgenommene Kind eine Berufsausbildung hat und in eine andere Welt entlassen werden kann als die, aus der es einst gekommen ist.

19.März 2002

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