Er war ein Straßenkind in Bukarest. Heute ist Gore Serbana Familienvater und Hausbesitzer - dank der Hilfe von CONCORDIA, dem Sozialverein des österreichischen Jesuiten Pater Georg Sporschill
An seine früheste Kindheit kann sich Gore Serbana kaum noch erinnern. Zum Glück. Denn der heute 23jährige war eines jener Kinder in der rumänischen Hauptstadt Bukarest, die ihr Dasein auf der Straße fristen. Gerettet wurde er von dort, als er etwa 13 Jahre alt war. Heute sitzt der kräftige junge Mann selbstbewußt in seinem eigenen Haus. Neben ihm spielt Ehefrau Cristina mit dem zweijährigen Sohn Andrej und dessen erst vier Monate alten Bruder Robert. "Ich bin sehr glücklich über meine Familie", sagt Gore. Die Familie ist nur ein großer Glücksfall in seinem Leben. Doch am Anfang stand ein großes Unglück.
"Das Haus meiner Eltern brannte ab", erzählt Gore. "Da es nicht versichert war und Vater und Mutter kein Geld hatten, standen sie plötzlich mit ihren neun Kindern ohne Dach über dem Kopf da." So sei er auf der Straße gelandet. In die Schule sei er ab diesem Zeitpunkt nicht mehr gegangen, im Müll hätte er Dinge gefunden, die er zu Geld gemacht hat. Aber um auf der Straße zu überleben, mußte er auch stehlen. So machte er die Bekanntschaft der Polizei. "Die haben mich dann ins staatliche Kinderheim Ciresarii gebracht." Das war - so seltsam es klingt - der erste Glücksfall in Gores Leben.
Ein begrenztes Glück freilich: Denn "es wurde dort viel geschlagen". Gores Bruder Julian hatte es da besser: Er war im Kinderhaus "Sankt Paul" untergebracht, das vom Sozialverein "CONCORDIA" des österreichischen Jesuiten Pater Georg Sporschill betrieben wird. "Als ich durch meinen Bruder von Sankt Paul erfahren habe, wollte ich da unbedingt hin, und schließlich ist mir das auch gelungen" - Gore hatte wieder Glück.
In "Sankt Paul" habe er sich so wohlgefühlt wie in seiner jetzigen Familie, erzählt Gore begeistert. Das ist auch das Ziel in den 18 Kinderhäusern von CONCORDIA: In familienähnlichen Gruppen sollen die ehemaligen Straßenkinder langsam in eine Gemeinschaft finden und sich an die tägliche Ordnung gewöhnen. Sie können eine Schule besuchen und ihre Freizeit sinnvoll gestalten. Und wenn es der Schulerfolg zuläßt, stehen den Kindern noch weitere Möglichkeiten offen. Gore hatte wieder Glück - und die Chance, auf der "Farm", ebenfalls einer Einrichtung von "CONCORDIA" für etwa 80 Kinder in Aricesti, eine Bäcker-Lehre zu absolvieren.
Auf der "Farm" habe er Pater Georg und seine Mitarbeiterin Ruth Zenkert erst so richtig kennengelernt, sagt Gore und fügt mit einem Lächeln hinzu: "Menschen mit einem so offenen Herzen gibt es selten." Sie haben ihm schließlich zu einer Anstellung in der Lebensmittelabteilung eines Supermarktes verholfen.
"Wenn ich mehr Geld hätte, würde ich zumindest ein Haus für Straßenkinder bauen", sagt er. Denn jedes verwahrloste Kind auf der Straße läßt ihn an seine Jugend denken. Darum hofft Gore, daß ihm noch ein Wunsch erfüllt wird: "Ich wünsche mir, daß die Österreicher weiter CONCORDIA helfen, weil es noch immer genug Straßenkinder gibt."
Ein Wunsch, den "Die Presse" gerne erfüllen will. Deshalb bitten wir auch heuer wieder im Rahmen unserer Weihnachtsaktion, den Sozialverein CONCORDIA finanziell zu unterstützen. In den vergangenen Jahren haben sich die "Presse"-Leser immer sehr großherzig gezeigt. Heuer wird unsere Hilfsaktion erstmals auch von "Radio Stephansdom" und der Firma "Palmers" unterstützt. Wir sagen jetzt schon danke, daß Sie nie vergessen: Nicht alle rumänischen Straßenkinder haben so viel Glück.
Hans Kronspiess (Bukarest)
23. Dezember 2002 |