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Der Geruch und die Zahl stimmen © Concordia
Im staatlichen Heim Nummer 2
in Chişinău leben 550 Kinder

 

"presse"-Leser helfen. Durch Ihre Spende können Sie Pater Georg Sporschill unterstützen, moldawischen Kindern eine neue Heimat in der "Stadt der Kinder" zu geben.

Wer von Chişinău in die "Stadt der Kinder" nach Pirita will, muss den Nistru überqueren. Die 3500-Seelen-Gemeinde, in der Georg Sporschill und seine "CONCORDIA" innerhalb eines Jahres mehr als hundert Kindern eine neue Heimat gegeben haben, liegt 30 Kilometer nordwestlich der moldawischen Hauptstadt auf einer Halbinsel, die der Flusslauf an dieser Stelle ausbildet. Die mürrischen Bewaffneten an der Brückenauffahrt und der russische Panzer unter dem Tarnnetz deuten an, dass dieser Fluss mehr ist als ein landschaftlicher Einschnitt. Es ist die Grenze zwischen rumänischer und russischer Sprache und Kultur, die Transnistrien-Frage wird auch die internationale Politik noch länger beschäftigen.

Dem österreichischen Jesuiten Georg Sporschill, der während des vergangenen Jahrzehnts dafür gesorgt hat, dass die Straßenkinder von Bukarest mit einer Lebensperspektive versorgt werden, sind die politischen Rahmenbedingungen einerlei. Gleich bei seinem ersten Besuch in Chişinău stieß er auf ein ehemaliges Hotel, das innerhalb kürzester Zeit zum Kinderhaus für das erste Dutzend Glücklicher umfunktioniert werden konnte. Das Projekt in Pirita, wo am Ende 300 Kinder Platz finden sollen, hat er zusammen mit der Frau des moldawischen Präsidenten Woronin gestartet, ein wesentlicher Grund dafür, dass das umfangreiche Bauvorhaben in einer Zügigkeit voranschritt, die angesichts der Überbürokratisierung des moldawischen Alltags wie ein Wunder erscheinen muss.

Wer ermessen will, welches Glück die 110 Kinder haben, die heute, ziemlich genau ein Jahr nach Beginn der Bauarbeiten, in Pirita leben, sollte sich in einem der staatlichen Kinderheime in der Hauptstadt, etwa "Nummer zwei" - Kinderheime werden genau so wie Schulen und Spitäler ausschließlich über Ziffern identifiziert - ansehen, wie der Alltag ihrer Altersgenossen aussieht. An die 50.000 moldawische Kinder müssen öffentlich versorgt werden, weil sie keine (intakte) Familie haben. Der Regelfall ist, dass die Mütter das Land verlassen, um in Moskau oder im "goldenen Westen" - zu dem aus moldawischer Perspektive bereits Rumänien zählt - Arbeit zu finden, die es in der Heimat nicht gibt. Die Kinder bleiben bei überforderten, arbeitslosen, oft alkoholkranken Vätern oder bei ebenfalls überforderten Großeltern und landen schließlich in Heimen wie "Nummer zwei".

Betritt man eines der Häuser in Pirita, versteht man Sporschills Faustregel für die Qualität von Kinderheimen: "Die Zahl und der Geruch müssen stimmen." Beides stimmt in Pirita: Die Kinder werden nicht zu Hunderten in Speisehallen abgefüttert. In den Häusern der "Stadt der Kinder" leben nicht mehr Menschen als in einer Großfamilie. Es riecht auch nach Familie. Und man kann denen, die erst seit kurzem hier sind, deren Gesichter zum Teil noch die Folgen körperlicher Gewalt zeigen, beides ansehen: Wie sehr sie von diesem Geruch überrascht sind und wie gut er ihnen tut. Viele von ihnen haben in den ersten Jahren ihres Lebens nie etwas anderes zu essen bekommen als Brot.

von Michael Fleischhacker, Pirita

- Die Presse, 24. Dezember 2005

 

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