Überlebensmanagement
Hunger nach Selbstverwirklichung
Ein Österreicher
reiste nach Bukarest,
um Straßenkindern
Management-Tipps
für den (Arbeits-)
Alltag zu geben.
Wer oder was ist ein Manager? Das ist einer, der mit Anzug, Aktentasche und Handy herumläuft und viel Geld hat, beziehungsweise macht. Das sagen zumindest jene, die glauben, von Führung und Leadership weit entfernt zu sein. Jene etwa, die aus sozialem Elend kommen, jene die eine kriminelle Vergangenheit haben oder auch jene, die gelernt haben, auf der Straße um das bloße Überleben zu kämpfen: ehemalige Straßenkinder aus Rumänien zum Beispiel.
Dass aber dieses Bild von einem Manager und dessen Aufgaben eigentlich so gar nicht stimmt, wollte Löwenstein vom Malik Management Institut nun den Jugendlichen zeigen. Er reiste nach Bukarest, um dort eine Gruppe von 16- bis 19-Jährigen, die heute in Heimen der Organisation Concordia untergekommen sind, über Management zu unterrichten. Doch was können diese Kinder damit anfangen? musste damit aus dem zwci-
Alltags-Management „Sind die Grundbedürfnisse wie Essen, Schlafen und Geborgenheit gestillt, haben die jugendlichen Hunger nach Selbstverwirklichung", weiß Löwenstein. Viele Heimkinder machen die Matura. Es folgt der Einstieg ins Berufsleben. „Um das Arbeitsleben, aber auch den Heimalltag in schmunzelt Löwenstein.
einer großen, heterogenen Gruppe zu meistern, brauchen die jungen Rumänen Basiswissen, vor allem im Bereich Selbstmanagement", sagt der Trainer über seinen Einsatz. „Zeit-, Konflikt-, Organisalions- und Teammanagement helfen besonders den älteren Heimkindern", sagt Löwenstein und erzählt von einem Mädchen, Julia, aus der „Concordia-Loge", jener 20-köpfigen Gruppe an ausgewählten Jugendlichen, die das Seminar besuchten. Julia trägt in ihrem Concordia-Haus die Verantwortung für die Jüngeren, allerdings missfällt ihre Arbeit der Heimleitung: „Wir haben in der Gruppe also erarbeitet, wie Julia am besten mit den Heimleitern kommunizieren und die Unstimmigkeiten konlliktfrei lösen kann", beschreibt der Berater ein Fallbeispiel.
„Als ich gefragt habe:,Was
könnt ihr denn gut? brach
Schweigen aus" Beim Kasteln im Team kamen zwar die positiven und negativen Seiten der Kinder hervor, doch Löwensteins Management-Mission sollte tiefer greifen: „Ich versuchte die Stärken jedes Einzelnen herauszukitzeln, damit sie damit am rumänischen Arbeitsmarkt punkten können", sagt Löwenstein. „Aber als ich die Kinder gefragt habe: ,Was könnt ihr gut?', brach Schweigen aus", erinnert sich der Trainer. „Als ehemalige Siraßenkinder wollten sie sich nichts zugestehen."
Stärken suchen Doch dann stellte sich heraus: Ein Teenager hatte ein Fußballturnier organisiert und dabei Koor-dinalionstalent bewiesen, während ein anderer mit Durchsetzungsfähigkeit als Alpha-Tier im Heim bekannt war. „Viele der jungen Leute wollen sich für Jobs im In-und Ausland bewerben, sie müssen sich verkaufen können, um zu überleben", betont Löwenstein nochmals. Aber: „Die lugendlichen haben Probleme, zu ihrer Vergangenheit zu stehen. Ich habe versucht, Mut zu machen", erinnert sich der Manager an das Seminar, das auch ihn Neues gelehrt hat: „Es war gut, einmal raus aus der Aktentaschen-Welt ins echte Lebenzukommen."
"Wenn du nicht arbeitest, schaffst du es nicht"
Seit fünf Jahren wohnt Robert Stoica im Conrordia-Heim in Bloisti, nördlich der rumänischen Hauptstadt Bukarest.
„Durch Pech haben meine Eltern ihre Wohnung verloren", sagt er. Näher will der 19-Jährige nicht auf seine Familie eingehen. Tatsache ist: Für Robert Stoica und die
Fünf Geschwister konnten die Eltern nicht aufkommen. „Dieses
Schicksal will ich nie mehr erleben", sagt der Rumäne im KUR IER-Interview. Stoica macht jetzt die Matura: „Wenn du im Leben nicht arbeitest, schaffst du es nicht", ergänzt er, der in seiner Freizeit Sprachen lernt und sich für Praktika bewirbt.
Der Fleiß hat sich gelohnt: Bei einem Praktikum in der Raiffeisen Zentralbank in Wien konnte er im Sommer Firmenluft schnuppern und die Chefetagen zumindest
sehen. In Rumänien wäre das undenkbar, sagt er und zeigt sich motiviert: „Ich will einmal Manager werden."
Das Gefühl der Selbstver-wirklichung beflügelt ihn auch im Alltag. Im Heim ist er „ein kleiner Manager". Er gehört zum Kreis der Con-cordia-Loge, den zwanzig fleißigsten Heimkindern. Als Loge-Mitglied hat er Verpflichtungen: „Ich bin eine Brücke zwischen den Kindern und den Heimleitern." Organisation kann er in dieser Rolle ebenso lernen: Gemeinsam mit der Concor-dia-l.eitung sucht er nach Sponsoren oder organisiert Reisen. Bis er selbst die nächste Reise antritt: Er will in Wien studieren.
- Emily Walton
- KURIER, 10. Dezember 2005
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