Pater Georg Sporschill über seine Arbeit mit rumänischen Straßenkindern, Europa. Kardinal König und "The Passion of the Christ".
Wie sind Sie zu den Kindern in Rumänien gekommen?
Sporschill: Ganz einfach: Ich bin Jesuit, und als Jesuit wird man irgendwohin geschickt. Damals gab es Kontakte mit der Caritas, weil ich vorher schon viele Jahre in Wien mit Obdachlosen und Jugendarbeit zu tun hatte. Die Caritas hat angefragt, ob ich für sechs Monate nach Rumänien gehen könnte.
Seit 1991 hat sich viel getan in Bukarest...
Geplant waren ein Kinderhaus und sechs Monate, daraus sind 13 Jahre und über dreißig Kinderhäuser geworden. Die sind alle klein, weil die familiäre Atmosphäre das Entscheidende ist, das die Kinder suchen. Und wenn jedes Haus schnell voll ist und es immer noch Kinder gibt, die dich an der Hand fassen und sagen: "Ich mochte mit dir mit", ergibt sich automatisch der nächste Schritt. Natürlich müssen auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gefunden werden und die Spenden, die das tragen. Aber ich muss mir den nächsten Schritt nie überlegen, der ergibt sich immer von selbst. Es ist ein sehr dynamisches Unternehmen.
Ist es schwierig, Helfer für diese anspruchsvolle Mitarbeit zu finden?
Es melden sich vor allem junge Leute, mehr als ich einsetzen kann. Die Fragen sind: Wer fuhrt sie ein, wer begleitet sie, wer managt sie? Es gibt zu wenig "europäische Sozialarbeiter", also Sozialarbeiter, die sich, wie Erhard Busek in der Politik, in diesen europäischen Horizont hineinstellen und Durchlässigkeit stiften. Es geht um die Brückenfunktion, wo soziales Know-how weitergegeben und empfangen wird, damit die Leute, die helfen wollen, helfen können und damit die, die Hilfe brauchen, sie finden. Dieses Thema kann man nicht von einem Schreibtisch in Osterreich aus bearbeiten, sondern es braucht Botschafter, die mittendrin stehen. Diese Menschen die da hingehen suche ich.
Worauf soll Europa in Zukunft bauen?
Ich mochte vom Weg reden. Wenn sozial oder kirchlich eingestellte Menschen, die fast hauptberuflich Werte vertreten, einander begegnen, so wie sich Wirtschaftsleute begegnen, dann wird Europa nicht nur eine Wirtschaftseinheit, sondern auch eine soziale, weltanschauliche und kulturelle Einheit in der Vielfalt werden. Ein Wirtschaftsunternehmen kann sehr einfach seine Logistik auf Rumänien übertragen. Aber im Wertebereich dort, wo es um Menschen geht, geschieht das nicht so einfach. Dort muss man diesen mühsameren Weg des Zusammenlebens und vieler gemeinsamer Erfahrungen gehen. Friedliches Europa heißt für mich Respekt vor der Unterschiedlichkeit und einen Weg suchen, wie man miteinander leben kann, obwohl man unterschiedlich ist und bleibt, ohne dass man sich gegenseitig für verrückt erklärt. .Meine Rumänen erklären mich oft für verrückt. weil ich immer nur Leistungen und Ergebnisse will. Und ich sie, weil sie sagen "die haben das Geld, und das Geld wachst auf den Bäumen". Sie haben keine Vorstellung, wie hart man dafür arbeiten muss. Aber dann muss man wieder staunen über ihre Gastfreundschaft, ihre Großzügigkeit, ihre Kultur, ihre Gefühlsbetontheit, ihre Religion, also Dinge, die bei uns manchmal fehlen und die wir dringend von ihnen bräuchten.
Woher beziehen Sie die Kraft, um die Mühseligkeiten zu bewältigen?
Die Kraft beziehe ich aus der unmittelbaren Begegnung mit den Kindern und Jugendlichen in Osteuropa. Wenn man sieht, wie sie aufbrechen und was bei ihnen passiert und wie man natürlich von den Kindern geliebt und angenommen und gebraucht wird - das genügt als Kraftquelle. Als Priester bin ich dankbar für das Gebet. Es ist vor allem in dieser extremen Sozialarbeit fast notwendig, für mich nicht wegzudenken.
Kardinal Konig galt als großer Brückenbauer. Was nehmen Sie aus seinem Leben mit?
Er war wirklich DER Brückenbauer, der schon als Kind über die fremden Sprachen gestaunt hat und so zu den fremden Kulturen und Religionen gekommen ist, und zu der Toleranz, für die wir ihn ja alle so lieben. Seine Neugier für andere und das Fremde, ohne dass man das gleich beurteilen muss, finde ich toll. Kardinal König hat immer gesagt, je mehr Neues er kennen lernt, umso stärker spürt er seine eigene Identität und umso dankbarer wird er für seine Kirche. Er war ein toleranter Mensch, aber nicht im Sinne der Gleichmacherei, sondern im Sinne des Staunens über die Unterschiedlichkeit, und dadurch ist er immer mehr er selbst geworden.
Ihre Arbeit führt Sie auch in Gefängnisse?
Natürlich kommen meine Straßenjugendlichen und Obdachlosen immer wieder ins Gefängnis, und dann besuche ich sie. Jesus hat gesagt: "Ich war gefangen und ihr habt mich besucht." Es ist ein Ort, wo Jesus sicher da ist. Es ist ein Ort, den man mit dem Krankenhaus vergleichen kann, wo der Mensch unglaublich sensibilisiert und offen ist. Er leidet und ist ansprechbar. Selber kann man entdecken und spüren, wie bewahrt, beglückt und beschenkt man durch die eigene Freiheit ist. Es ist der beste Ort der Meditation über das Glück, das man selber nicht verdient hat.
Was halten Sie vom österreichischen Gefängnisbau in Rumänien?
Das Ziel ist, auch die Situation in den Gefängnissen in Rumänien humaner zu gestalten. Es geht um Menschen, deren Würde angekratzt und die seelisch sehr belastet sind, zum Beispiel die Jugendlichen, die keine Ausbildung bekommen. Es ist idealistisch, dass sich Österreich mit seiner humanen Gefängniskultur daran beteiligt. Natürlich gibt es auch den ganz praktischen Hintergrund, dass man rumänische Gefangen abschieben will, weil das billiger ist. Aber wenn diese Kostennutzen kompensiert werden durch einen soziales und humanitären Input, dann ist das eine faire Sache. Deshalb beteilige ich mich daran, nicht zuletzt deshalb, weil meine Schützlinge zum Teil im Gefängnis sind und ich gerne was für sie tue.
Was sagen Sie zu Mel Gibsons "The Passion ofthe Christ"?
Ich habe ihn noch nicht gesehen, höre aber Gutes. Der Film soll grausam sein, aber eine Kreuzung ist natürlich etwas Grausames. Von einem sehr kritischen Theologen habe ich gehört, dass man dem Film nicht den Vorwurf des Antisemitismus machen könne. Derselbe Theologe hat mir erzählt, dass er 24 Stunden lang den Film und Jesus nicht aus dem Kopf gebracht habe, und das beeindruckt mich. Wenn ich länger in Österreich wäre, würde ich mir den Film gleich anschauen, zumal Maria und Maia Morgenstern, eine wunderbaren rumänische Schauspielerin jüdischer Abstammung, gespielt wird.
Haben Sie gerne in Wien gelebt?
Ich war 13 Jahre in Wien, bevor ich jetzt 13 Jahre nach Rumänien gegangen bin, und lebe mit einem Fuß noch immer in Wien, weil ich hier die meisten Freunde habe und mich zu Hause fühle. Wien ist eine schöne, lebenswerte Stadt, inklusive des Wiener Schmähs und der Freude am Essen und Trinken. Wien hat auch eine große soziale Tradition. Aber wichtig wäre, dass jeder Einzelne, ob Jugendlicher oder Pensionist, erleben könnte, dass es auf ihn ankommt, dass er etwas tun muss und kann, dass nicht eh alles die Institution macht. Ein junger Mensch, der einen Kranken, Gefangenen oder Alten regelmäßig besucht, der wird ein reicher und sozialer Mensch, der nicht an seinem
Egoismus erstickt.
So eine soziale Ader hat nicht jeder. Kann man das lernen?
Jeder Mensch ist ein soziales Wesen, das bedeutet aber nicht, dass jeder dasselbe macht. Ich kann an andere denken, für andere beten, selbst in der Wissenschaft für andere da sein. Ich spüre bei der Jugend diese Sehnsucht zu helfen. Jesus sagt, wer sein Leben verliert, wird es gewinnen. Das ist nicht nur ein heroischer oder jenseitiger Spruch, sondern das ist ganz diesseitige Psychologie, also der Weg zum Glück. Einem Jugendlichen, der in der Berufsentscheidung steht, predige ich immer: "Frage nicht: Wozu habe ich Lust? Sondern: Wo werde ich gebraucht?" Diese Frage reduziert sogar die Gefahr der Arbeitslosigkeit, denn sie setzt unglaubliche Kräfte und Motivation frei.
Die Fragen stellte Eugen Waldstein
- Falterbeilage stadt.blicke, April 2004
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