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Nahziel: Hoffnung

In Rumänien kämpft Jesuitenpater Georg Sporschill dafür, Straßenkindern eine Zukunft zu ermöglichen.

Zum Ende der 8oer Jahre weht „The wind of change" durch Osteuropa. Auch in Rumänien bricht sich die Revolution ihre Bahn. Diktator Nicolae Ceau-sescu wird am 22. Dezember 198g abgesetzt und drei Tage später hingerichtet. Zu seinem traurigen Erbe gehören Tausende von Heim- und Straßenkindern. Besonders in der Nähe von großen Bahnhöfen finden sich diese Verlierer der alten Gesellschaft. Um zu überleben, betteln und stehlen sie, prostituieren sie sich. Viele schnüffeln Lack oder nehmen Drogen, um ihre Existenz zu ertragen.

Warum die Kinder es nicht in einem der staatlichen Heime aushalten, berichtet das ehemalige Straßenkind Costel Secara: „Man hat mir erzählt, dass ich nach der Geburt im Krankenhaus zurückgelassen wurde. Dann bin ich in ein Heim für Babys gekommen. Mit fünf Jahren haben sie mich in ein anderes Heim gebracht und mit sieben in eins für größere Buben. Immer waren wir über 300 Kinder, und es war schrecklich. Überall Schlägereien, die Größeren haben die Kleineren fertiggemacht. Sie haben uns das Essen vom Teller genommen, und ich hatte immer Angst. Auch ich habe die Schwächeren gequält." In seinem Buch „Die zweite Meile", einer Sammlung von Texten und Gedanken, Gesprächen und Briefen, beschreibt der Jesuitenpater Georg Sporschill, wie er im Oktober 1991 als ausländischer Sozialarbeiter mit dieser Situation konfrontiert wird. Zusammen mit drei ehrenamtlichen Mitarbeitern steht er am Hauptbahnhof von Bukarest einer Heerschar von Kindern gegenüber.

Der pragmatische Theologe ist kein unbeschriebenes Blatt. Neben Theologie hat er Psychologie und Pädagogik studiert. In 14 Jahren Jugend- und Sozialarbeit gründet er in Wien mehrere Einrichtungen für Obdachlose, darunter das Restaurant „Inigo", das heute in keinem Wien-Führer fehlen darf. Trotzdem bringen ihn die rumänischen Straßenkinder an seine Grenzen. Doch hier, bei den Ärmsten und Untersten der Gesellschaft, blüht der Pater richtig auf. Für ihn werden die Problemkinder zu „Hoffnungskindern".

 

Eine Farm für Kinder

Mit einer einfachen, aber begeisterten Sprache erzählt Sporschill, wie das Projekt kontinuierlich wächst. Innerhalb von wenigen Jahren entstehen Kinderhäuser, eine „Farm für Kinder" mit Lehrwerkstätten sowie Streetworker-Teams, die sich um die Kinder kümmern, die noch auf der Straße leben. Zurzeit befinden sich etwa 800 Kinder und Jugendliche in der Obhut des Projektes CONCORDIA, für das rund 230 Mitarbeitern tätig sind und das sich ausschließlich über Spenden finanziert. Sporschill rückt Einzelschicksale in den Fokus seiner Schilderungen und gibt so den Namenlosen Individualität und Würde zurück. Da ist zum Beispiel Adrian: „In einem roten Mantel mit Schalkragen stieg Adrian aus dem Kanal. Die Erscheinung nannte sich selbst ,Prinzu', der ,Prinz'." Zwischen Pater Sporschill und Adrian entsteht eine wechselvolle Beziehung: Mal lässt sich der Junge auf die Angebote ein, dann stürzt er wieder ab und lebt auf der Straße. Sporschill zeichnet das Bild eines schwierigen, aber auch besonders wertvollen Menschen, dessen Geschichte bis heute noch kein gutes Ende genommen hat.

 

Durch Glauben Zeichen setzen

Viele der Texte weisen aber auch über das Projekt hinaus. Sie machen nachvollzieh bar, warum CONCORDIA zu dem Erfolgs projekt wurde, das es heute ist. Und sie ergeben die Biografie eines überaus charismatischen Mannes, der durch seinen Glauben und sein freies Denken Zeichen setzt. Sporschills Studium in Innsbruck und Paris fiel in die bewegte Zeit Ende der 6oer Jahre. Zu seinen Mentoren und Weg gefährten zählt er den großen Theologen Karl Rahner, den damaligen Wiener Kardinal Franz König und Prälat Leopold Ungar, bis 1991 Präsident der österreichischen Caritas.

Kraft für seine Arbeit gewinnt Sporschill unter anderem aus der Lektüre der Bibel. So ist auch der Titel seines Buches ent standen. „Wenn dich einer zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei Meilen", sagt Jesus und spielt damit auf das Besatzungsrecht der Römer an, nach dem ein Legionär einen Judäer zwingen kann, sein Gepäck eine Meile zu tragen. So hält es auch der 1946 geborene Vorarlberger, der inzwischen einen rumänischen Pass hat: Wenn ihm die gesellschaftlichen Verhält nisse einen schweren Gang aufnötigen, dann geht er freiwillig noch ein Stück weiter und macht aus einer bedrückenden Situation eine Erfolgsgeschichte.

Frank Zimmermann

- Buchjournal, 3/2006

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