Im ärmsten Land Europas kümmern sich Helfer aus Österreich um gesellschaftliches Strandgut: Alte, Arme und Kinder.
Chisinau. Wenn General Winter wieder die Ebenen und Hügellandschaften der postkommunistischen Republik Moldova erobert, sind die von der Caritas eingerichteten Suppenküchen noch voller als sonst. Alte, Verarmte, Vereinsamte, die sich noch einigermaßen auf den Füßen halten können, schlurfen heran, um sich aufzuwärmen und den Hunger etwas zu stillen. Dann stehen sie wieder auf, machen anderen Mittellosen Platz und verschwinden draußen in Kälte und Düsternis.
Aber jeden Winter kommt es vor, berichtet Pater Klaus Kniffki, dass einige dieser Menschen plötzlich nicht mehr in die Suppenküche kommen. "Wenn wir dann Bekannte eines Verschollenen fragen, wo dieser denn sei, heißt es nur: ,Ach, der liegt schon auf dem Friedhof.'"
Pater Kniffki betreut die kleine katholische Pfarrgemeinde Staunceni vor den Toren Chisinaus, der Hauptstadt Moldovas. Angeschlossen an die Pfarre ist eine Sozialstation, in der Alte und Ausgestoßene betreut werden. "Wir leben hier wie die Straßenköter", klagt eine frühere Krankenschwester. Ein Blick auf die Fotos an der Wand, bestätigt das. Die Aufnahmen zeigen das Los derer, die nicht mehr die Kraft haben, die Suppenküche aufzusuchen oder sich in der Sozialstation zu reinigen: Wohnungen, die ausschauen wie Müllhalden, und in denen Alte, Gebrechliche, Verwahrloste mit offenen, eitrigen Wunden auf verdreckten Betten liegen; andere wieder sind abgemagert bis auf die Knochen. Um diese Leute im Dunkeln scheint sich hier nur noch die Caritas zu kümmern.
Um zu verhindern, dass künftig nicht mehr so viele Besucher der Suppenküche im Winter auf dem Armenfriedhof landen, entstand die Idee, ein größeres Sozialzentrum zu errichten. Inzwischen ist in Stauceni das "Stephanus"-Haus vor der Fertigstellung. Für dieses Caritas-Projekt hat sich Kardinal Christoph Schönborn persönlich eingesetzt und Geld gesammelt. Im Spätherbst soll es eröffnet werden. Hier sollen Mittellose medizinisch betreut, ernährt und gebadet werden; für 20 Personen stehen Betten zur Verfügung. Und Mittellose gibt es massenhaft - in Stauceni wie in ganz Moldova, dem ärmsten Land Europas. Vor allem außerhalb der Städte scheint das Land regelrecht zu vermodern: Die ganze postkommunistische Gesellschaft siecht dahin. "Und wer arm, alt oder krank ist, hat besonders schlechte Karten", sagt Pater Kniffki.
Während er sich vor allem um die Betagten kümmert, bemüht sich Jesuitenpater Georg Sporschill in Moldova wie schon in Rumänien, das Los verstoßener Kinder zu verbessern. Der Kern dieses Problems: Im bettelarmen Agrarstaat Moldova haben sich von 4,3 Millionen Einwohnern rund eine Million auf die Suche nach einem Job ins Ausland abgesetzt. Eltern lassen ihre Kinder zurück, zumeist bei den Großeltern. Oft genug haben die weder die Kraft noch das Geld, um sich um den Nachwuchs zu kümmern - und wenn Opa oder Oma sterben, bleiben die Kinder allein zurück.
Wie Sporschill berichtet, landen in Moldova solche Kinder nicht direkt auf der Straße. "Straßenkinder", auf deren schweres Los in Rumänien Sporschill in den Neunzigerjahren die öffentliche Aufmerksamkeit gelenkt hat - gibt es in Moldova eigentlich keine. Dort landen die Kleinen dafür in staatlichen Kinderheimen - in der Regel völlig überfüllte, trostlose, heruntergekommene Heime, geführt wie Kasernen, im Winter oft genug ohne Heizung. "Ein Drittel dieser Kinder sind Bettnässer", weiß der Jesuitenpater.
Ihm ist auch aufgefallen, dass in Rumänien Kinder, die es in ihren verwahrlosten Familien nicht mehr aushielten, sich einfach davon machten, um auf der Straße das Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. "In Moldova aber ist die Sowjetmentalität noch immer stark, hier sind Unterordnung und Disziplin noch stark ausgeprägt."
Sporschills Sozialprojekte in Moldova sind inzwischen gut auf Schienen, sowohl das "Concordia"-Kinderheim mitten in Chisinau wie auch die "Stadt der Kinder" in Pirita nahe der Hauptstadt. Beide Projekte werden immer weiter ausgebaut. Der Pater aber blickt bereits weiter nach Osten - und hat die Ukraine ins Blickfeld für sein soziales Wirken genommen. In der westukrainischen Stadt Schitomir wird er noch im Spätherbst ein Kinderheim eröffnen. Auch im Raum Odessa prüft Sporschill derzeit ein Projekt. von Burkhard Bischof
- Die Presse, 05.10.2006 |