Immer mehr Kinder landen auf der Straße, da sie einen oder beide Elternteile durch HIV/AIDS verloren haben. Sie leben, arbeiten und schlafen im ungeschützten öffentlichen Raum. Oft sind sie daher Gewalt und Prostitution ausgesetzt. Auch vor Übergriffen der Polizei sind Straßenkinder schutzlos. Um die Stadt zu "säubern" treibt man die Kinder zusammen, verschleppt sie und setzt sie vor der Stadt wieder aus. Die Straße bedeutet für diese Kinder also täglicher Kampf ums Überleben. In Rumänien leben etwa 210.000 Kinder auf der Straße. Einige von ihnen lernten den österreichischen Jesuitenpater Georg Sporschill kennen. Für sie ist der Kampf ums Überleben nun zu Ende.
Sozialarbeit beginnt mit der Frage: Wer ist in Not? Was ist unsere wichtigste Aufgabe? Mit welchem Gegner haben wir es zu tun? Es sind die biblischen Fragen: Wer bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich. Daraus ergeben sich ganz praktische Herausforderungen.
Der Jesuitenorden hat mich im Jahr 1991 nach Rumänien gesandt, um den Straßenkindern zu helfen. Geplant war ein Katastropheneinsatz von sechs Monaten, entstanden ist das Werk CONCORDIA in Rumänien und in der Republik Moldau. 300 junge Mitarbeiter aus Ost und West beherbergen 1000 Kinder. In sechs Stufen werden die Kinder von der Streetwork über das Sozialzentrum, die Kinderhäuser, eine Berufsausbildung, die sozialen Wohngemeinschaften und den Club der Ehemaligen zu einem selbständigen Leben geführt. Aus Straßenkindern werden Hoffnungskinder, die zu einem großen Teil die Belastungen ihrer Kindheit bewältigen. Viele von ihnen werden selber zu Christen, die andere retten.
Im Sozialzentrum Lazarus in Bukarest klopfen täglich hundert Kinder und Jugendliche von der Straße an das Tor. Sie bekommen erste Hilfe, sie können hier essen und schlafen. Noch wichtiger ist ihnen aber, dass sie im Haus Freunde und eine Gemeinschaft finden. Sie strömen mit einer Begeisterung, die ich nicht kannte und nicht erklären kann, morgens und abends in die Kapelle zum Gebet. Das Brot des Himmels und der Erde: Kapelle und Küche rücken im Sozialzentrum eng zusammen. Immer mehr junge Menschen
aus westlichen Wohlstandsländern melden sich zu einem Jahreseinsatz in den neuen Ländern, die jetzt in der EU unsere Nachbarn sind. Die CONCORDIA-Volontäre nennen das Programm „Ostwind-Westwind". Der Wind ist ein Bild für die Überraschung, dass am Ende des Einsatzes niemand sagen kann, wer wem mehr geholfen hat. Die Straßenkinder den Wohlstandskindern oder die Wohlstandskinder den Straßenkindern? Es ist ein gegenseitiger Austausch, der an das Wehen des Windes und des Heiligen Geistes denken lasse.
Die Bibel stößt uns hinein in die Begegnung mit dem Fremden und in die Konfrontation mit den Ungerechtigkeiten der Welt. Sie stattet uns aber auch mit besonderen Kräften aus. In allen Kinderhäusern und Sozialzentren gibt es ein Gebetsleben und eine Bibelschule, die in sechzehn Jahren gewachsen ist. Voran gehen die Kinder, die das Gebet suchen und beim Vater im Himmel Geborgenheit finden. Die Religion ist in Rumänien tief in der Volkskultur verwurzelt. Die westlichen Jugendlichen, die zu Gast sind und sich einsetzen, staunen und werden mitgerissen. Wer könnte dem Wunsch und der Einladung der Kinder widerstehen?
Die Begegnung mit dem Fremden und der soziale Einsatz sind Wege, auf denen die Kirchen in Europa die Jugend gewinnen können. Das ist das stärkste Signal, das die Straßenkinder in unsere Jugendszene senden.
- Ein Kommentar von Pater Gerog Sporschill
- Fakten und Meinungen, Jänner 2008 |