PIRITA. Es ist nicht leicht, hier zu leben. Moldawien zählt zu den ärmsten Ländern Europas. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 brach die Wirtschaft zusammen. Der damals entbrannte Bürgerkrieg um die international nicht anerkannte Republik Transnistrien ist dem Status eines kalten Friedens gewichen. Durch den EU-Beitritt des Nachbarn Rumänien kam auch noch der Grenzverkehr zum Erliegen. Wer konnte, fuhr nach Russland, um dort Geld zu verdienen. Zurück blieben vor allem Kinder - und alte Menschen, die mit der Betreuung der Jungen überfordert waren.
Ein Dach über dem Kopf
So auch der Großvater der 13-jährigen Katja und des 16 Jahre alten Tudor aus Pirita, einer 3500-Seelen-Gemeinde 30 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Chisinau. Ihre Mutter ist gestorben, der Vater verschwunden. Der alte Mann, selbst Alkoholiker und ohne Einkommen, kümmerte sich nicht um die beiden Kinder, schickte sie nicht zur Schule und ließ sie völlig verwahrlosen. Irgendwann hatte der Bürgermeister von Pirita Mitleid und brachte die beiden in die Stadt der Kinder.
Dieses Dorf, das der österreichische Jesuit Georg Sporschill mit seiner Organisation Concordia initiiert hat, bietet rund 300 Kindern ein Dach über dem Kopf, ein Zuhause, eine Familie. Tudor fand sich im geregelten Tagesablauf zunächst nicht zurecht, riss aus. Doch seine kleine Schwester überzeugte ihn schließlich, wieder zurückzukommen. Mittlerweile absolviert er eine Schlosserlehre, und statt als Kopf einer Jugendbande zeigt er nun als Schulsprecher erste Führungsqualitäten.
Das Kinderdorf wurde 2004 auf dem Areal eines ehemaligen Pionier-Lagers errichtet. Mit Hilfe der Strabag und zahlreicher Spender - auch die Leser der „Presse" stifteten ein ganzes Haus - wurde das Dorf Ende 2006 fertig gestellt. Die Stadt der Kinder gilt längst als Vorzeigeprojekt, an dem Kindern ohne Zukunft eine Chance gegeben wird. Aber nicht nur ihnen, denn mit rund 120 Beschäftigten ist das Kinderdorf der größte Arbeitgeber der Region.
Straßenkinder gibt es in Pirita nicht. Läuft ein Kind weg, fangt es die Polizei üblicherweise schnell
wieder ein und bringt es ins Kinderdorf zurück. Doch ans Weglaufen denkt in der Stadt der Kinder ohnehin kaum jemand. Kein Wunder, haben es die Kinder hier doch um vieles besser als die Menschen im Dorf. Immerhin ist hier der einzige Ort des gesamten Dorfes, an dem es fließendes Wasser, Duschen und WCs gibt. Und regelmäßige Mahlzeiten.
Warmes Essen per Fahrradbote
Davon sind die alten Menschen im Dorf weit entfernt. Sie müssen sich im Winter in ihren ungeheizten Häusern - Brennholz ist teuer - durchschlagen, staatliche Fürsorge oder Hilfe von Angehörigen gibt es kaum. Vergessen werden sie dennoch nicht. Es sind die Kinder, die den Alten immer mehr zur Seite stehen. So wie der 12-jährige Ion Bacoi, dessen Mutter schwer erkrankte als er sechs Jahre all war und der seitdem von einer alten Nachbarin aufgezogen wurde.
Nach dem Tod seiner Mutter wurde auch er in die Stadt der Kinder gebracht. Doch einmal pro Woche geht er in sein altes Heimatdorf zurück, um der mittlerweile 94-jährigen Frau zu helfen. Er hackt Holz, holt Wasser vom 300 Meter entfernten Brunnen und bringt ihr Lebensmittel.
Für die anderen etwa 100 Alten wird seit Oktober mit einer anderen Einrichtung gesorgt. Die Concordia-Mitarbeiter richteten eine Suppenküche ein, in der es warme Mahlzeiten und einen Kaum zum Aufwärmen für sie gibt. Und jene, die den Weg auf den kaum befestigten und nicht beleuchteten Straßen nicht mehr bewältigen, werden per Hauszustellung beliefert - von den Kindern selbst. Mit zwölf Fahrrädern, die von Raiffeisen gespendet wurden, führen sie das warme Essen direkt zu den Menschen nach Hause. Das soziale Engagement wird so von jenen weitergegeben, denen selbst geholfen werden musste.
Die Suppenküche trägt übrigens den Namen Nadejda - so wie die alte Nachbarin, die Ion jeden Samstag besucht. Und das ist kein Zufall, denn auf Deutsch steht der Name für Hoffnung.
von Erich Kocina
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SPENDENAKTION
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ein Concordia-Spendenkonto eingerichtet:
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KW „Die Presse Weihnachtsaktion" |
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Eine Suppenküche für die Ärmsten
Im Süden der Republik Moldau richtet Concordia ein neues Hilfsprojekt ein.
VALENI (eko). Eine Überschwemmung im Frühjahr, dafür Dürre im Sommer, die das Land völlig versteppt hat. Die Felder sind kahl, von allen Seiten sieht man resignierte Blicke. Valeni, das kleine Dorf am südlichsten Zipfel von der Republik Moldau, in Sichtweite der rumänischen Grenze und rund 200 Kilometer von Chisinau entfernt, ist einer jener Orte, dem man die Armut auf den ersten Blick ansieht. Und die offensichtliche Armut beginnt nicht erst, wenn man die Hauptstraße verlässt.
Biegt man um eine der Straßen, deren sandiger Untergrund vom Regen fast weggeschwemmt wurde, wird das Bild nicht besser. Die Lehmhäuser sind unterspült, die Wände neigen sich und dicke Risse klaffen in ihnen, durch die die Kälte in die kleinen Wohnstuben dringt. Hinter einem Holzzaun, dessen morsche Latten nur noch wackelig im Boden stecken, steht eine davon. Die zwei Frauen, die darin wohnen, teilen sich den kleinen Raum rund um einen Ofen, beide in Decken eingehüllt, denn die wenigen dürren Äste, sorgen
kaum für nachhaltige Wärme. Die beiden Schwestern gehören zu jenen Alten, um die sich hier niemand mehr kümmert.
Die Bevölkerung, die vor allem von der Landwirtschaft lebt, hat nach den Ernteausfällen kaum genug zum Leben. Mehl schmuggeln die Frauen aus der Ukraine - dort ist es günstiger, selbst wenn man das Schmiergeld für die Zöllner dazurechnet. Wichtigste Einnahmequelle sind die Kinder - sie suchen Arbeit in der Umgehung von Chisinau, auch bei Concordia, und schicken den Großteil des verdienten Geldes heim. Rund 20 Euro beträgt der Durchschnittsverdienst.
Fließendes Wasser gibt es im ganzen Ort nicht. Selbst die Bürgermeisterin muss hinter das Rathaus gehen. F ür die Schüler steht hinter dem Schulgebäude ein kleines Häuschen mit zwei Löchern im Boden bereit. Von einer warmen Mahlzeit zu Mittag kann der Großteil hier nur träumen.
Ein neues Sozialzentrum
Noch. Denn in einem kleinen Gebäude neben der Schule richtet Pater Georg Sporschills Hilfsaktion Concordia ein neues Sozialzentrum ein. Hier sollen zum einen die Alten, zum anderen auch die Schüler, zumindest eine warme Mahlzeit pro Tag bekommen. Mit einem Pferdewagen werden all jene, die sich nicht mehr so weit bewegen können, versorgt.
Für Zentren wie diese braucht es Hilfe. Gefragt sind Menschen, die hier mitarbeiten - und Menschen, die mit ihrer Spende dazu beitragen, dass die Bewohner zumindest ein bisschen vom Glück begünstigt werden.
- Erich Kocina
- Die Presse, 15. Dezember 2007 |