Wer oder was ist ein Manager? Das ist einer, der mit Anzug, Aktentasche und Handy herumläuft und viel Geld hat, beziehungsweise macht. Das sagen zumindest jene, die glauben, von Führung und Leadership weit entfernt zu sein. Jene etwa, die aus sozialem Elend kommen, jene die eine kriminelle Vergangenheit haben oder auch jene, die gelernt haben, auf der Straße um das bloße
Überleben zu kämfen: ehemalige Straßenkinder aus
Rumänien zum Beispiel.
Dass aber dieses Bild von einem Manager und dessen Aufgaben eigentlich so gar nicht stimmt, wollte Alexander Löwenstein vom
Malik Management Institut nun den Jugendlichen zeigen. Er reiste nach Bukarest, um dort eine
Gruppe von 16- bis 19-Jährigen, die heute in Heimen der Organisation Concordia untergekommen sind, über Management zu unterrichten. Doch was können diese Kinder damit anfangen?
Alltags-Management "Sind die Grundbedürfnisse wie Essen, Schlafen und Geborgenheit gestillt, haben die Jugendlichen Hunger nach Selbstverwirklichung", weiß Löwenstein. Viele Heimkinder machen die Matura. Es folgt der Einstieg ins Berufsleben. "Um das Arbeitsleben, aber auch den Heimalltag in
einer großen, heterogenen Gruppe zu meistern, brauchen die jungen Rumänen
Basiswissen, vor allem im Bereich Selbstmanagement", sagt der Trainer über seinen Einsatz. "Zeit-, Konflikt-, Organisations- und Teammanagement helfen besonders den älteren Heimkindern", sagt Löwenstein und erzählt von einem Mädchen, Julia, aus der „Concordia-Loge", jener 20-köpfigen Gruppe an ausgewählten Jugendlichen, die das Seminar besuchten. Julia trägt in ihrem Concordia-Haus die Verantwortung für die Jüngeren, allerdings missfällt ihre Arbeit der Heimleitung: "Wir haben in
der Gruppe also erarbeitet, wie Julia am besten mit den Heimleitern kommunizieren und die Unstimmigkeiten konfliktfrei lösen kann", beschreibt der Berater ein Fallbeispiel.

Teamgeist Aber Konflikte sind nun mal schwer zu vermeiden, wenn viele Menschen Schlaf und
Wohnraum teilen: "Teamgeist stärkt die Gruppe", ist
Löwensteins Botschaft an die Kinder.
In seinem dreitägigen Kurs absolvierten die ehemaligen Straßenkinder klassische Teambuilding-Übungen, die Löwenstein „genauso mit Top-Managern macht": Eine Eierflug-Maschine aus Papier, Lineal und Faden musste konstruiert werden. Das Ziel: Ein Ei musste damit aus dem zweiten Stock geworfen werden und heil unten ankommen. "Hier lernten die Teilnehmer, auf andere Rücksicht zu
nehmen und einen Konsens
zu finden", sagt der Berater über den Gewinn für die Jugendlichen. Das Verblüffende
dabei: "Sie stellten sich genauso gut oder schlecht an wie Spitzenführungskräfte",
schmunzelt Löwenstein.
Beim Basteln im Team kamen zwar die positiven und negativen Seiten der Kinder hervor, doch Löwensteins Management-Mission sollte tiefer greifen: "Ich versuchte die Stärken jedes Einzelnen herauszukitzeln, damit sie damit am rumänischen Arbeitsmarkt punkten können", sagt Löwenstein. "Aber als ich die Kinder gefragt
habe: .Was könnt ihr gut?', brach Schweigen aus", erinnert sich der Trainer. "Als ehemalige Straßenkinder wollten sie sich nichts zugestehen."
Stärken suchen Doch dann stellte sich heraus: Ein Teenager
hatte ein Fussballturnier organisiert und dabei Koordinationstalent bewiesen, während ein anderer mit Durchsetzungsfähigkeit als Alpha-Tier im Heim bekannt war. "Viele der jungen Leute wollen sich für Jobs im In-und Ausland bewerben, sie müssen sich verkaufen können, um zu überleben", betont Löwenstein nochmals. Aber: "Die Jugendlichen haben Probleme, zu ihrer Vergangenheit zu stehen. Ich habe versucht, Mut zu machen", erinnert sich der Manager an das Seminar, das auch ihn Neues gelehrt hat: "Es war gut, einmal raus aus der Aktentaschen-Welt ins echte Leben zu
kommen."

von Emily Walton
- KURIER, 1. November 2007
|