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Ein Jahr „Mami" in Bukarest
Die 19-jährige Kirsten von Ungern-Sternberg betreute Straßenkinder in Rumänien

 

An Rumänien wird Kirsten von Ungern-Sternberg sich fortan stets erinnern. Die jüngste Tochter des Freiburger Regierungspräsidenten Sven von Ungern-Sternberg hat ein ganzes Jahr mit Bukarester Straßenkinder verbracht und nicht nur diese in ihr Herz geschlossen: „Rumänien ist ein ärmliches, aber schönes Land, in das ich immer sehr gerne zurückkehren werde."
Diesen Satz und noch unzählige mehr kann die 19-jährige angehende Studentin in perfektem Rumänisch von sich geben. Akzentfrei. „In Bukarest behaupten die Leute, ich rede wie eine Moldauerin", sagt Kirsten von Ungern-Sternberg und strahlt. In nur einem Jahr hat sie von Rumänien eine Menge gesehen und ein „Riesengepäck" mit nach Deutschland gebracht. Die Sprache ist nur ein kleiner Teil davon, denn Kirsten von Ungern-Sternberg hat Armut und Elend erlebt, im Stich gelassene und verwahrloste Kinder en masse, aber sich auch viel von der rumänischen Mentalität und Kultur angeeignet. Sie kennt Bukarest, seine Subkultur und sein Nachtleben, sie hat das Bucegi-Gebirge und die im Zweiten Weltkrieg heftig bombardierte Erdölregion um Ploiesti besucht, sie war in der „Weltkulturstadt" Sibiu und in Vama Veche am Schwarzen Meer, wo sich alljährlich zahlreiche Jugendliche anlässlich eines berühmten Rockfestivals treffen. Am liebsten würde sie schon morgen Rumänien den nächsten Besuch abstatten, doch nun wartet das Englisch- und Französischstudium in Hamburg auf sie.
Für ein „inoffizielles" soziales Jahr waren vor etwas mehr als zwölf Monaten die Philippinen, das russische St. Petersburg und eben Bukarest in Frage gekommen. Kirsten von Ungern-Steinberg hat sich intuitiv für die Hauptstadt am Ufer der Dimbovita entschieden: „Eine gute Wahl", sagt sie. „Rumänien kann ich atmosphärisch irgendwie mit Israel vergleichen."
Dabei war der Aufenthalt in Bukarest für die Abiturentin des Freiburger Bertold-Gymnasiums alles andere als leicht. „Ich hatte dort eine Mami-Rolle." Beworben hatte sich Kirsten von Ungern-Sternberg bei „Concordia", einem ehrgeizigen sozialen Projekt des Österreichischen Jesuitenpaters Georg Sporschill. „Concordia" widmet sich seit 1991 den Bukarester Straßenkindern, über die es damals in westeuropäischen Medien erschütternde Berichte gab. Aufgegeben und verwahrlost leben diese in Parks, Bahnhöfen, und in der Kanalisation. Viele sind abhängig von einem billigen Farblack, dessen Dünste sie aus Tüten inhalieren, um sich zu betäuben. Gegen die Einsamkeit, den Hunger, die Aussichtslosigkeit.
Sporschill, der vor einigen Jahren zum „Österreicher des Jahres" gewählt wurde, begann einst mit der Verteilung von Essenspaketen am Bukarester Bahnhof. Inzwischen aber besitzt „Concordia" in Rumänien ein Sozialzentrum, ein Zentrum für Mütter und ihre Kinder, eine „Stadt der Kinder" und eine „Farm der Kinder". Das Projekt sorgt für 400 Kinder in der Hauptstadt sowie in Aricesti und Ploiesti. Die erste Anlaufstelle für die Straßenkinder ist das Sozialzentrum, in dem die Kinder warmes Essen, eine Dusche, frische Kleider und ein Bett bekommen.
Kirsten von Ungern-Sternberg betreute eine rund 20-köpfige Gruppe Kleinkinder, die bereits im Sozialprojekt integriert waren: „Ich habe mit ihnen viel unternommen, gespielt, sie in den Kindergarten gebracht. Anfangs haben sie über mein Rumänisch gelacht. Doch dann haben sie mich Mami genannt."

Toni Nachbar
Der Sonntag, September 2007

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