Von Jesuitenpater Georg Sporschill, Bukarest
Ein eiskalter Windstoß reißt an der Plastikplane beim Eingang. Die Sporthalle ist erst im Rohbau, noch ohne Türen und Fenster, aber trotzdem bietet sie ein Dach über den Köpfen vieler Jugendlicher und Straßen-kinder. Vom Bahnhof, aus den Schächten der U-Bahn und,aus den Hinterhöfen der Stadt sind sie zusammengeströmt. Im Sozialzentrum Lazarus wurde den ganzen Tag über gebadet, eingekleidet, gekocht, wurden Haare geschnitten, Wunden versorgt, Geschenke vorbereitet, Lieder geprobt und die Sporthalle hergerichtet Um achtzehn Uhr war wie jeden Tag Abendgebet. Viele kamen, als wollten sie das Christkind herbeirufen. Alina betete inbrünstig: „Lieber Gott, hilf mir, dass ich würdig werde, die Jungfrau Maria zu sein, und dass ich mich mit Josef gut verstehe." Alle Konkurrentinnen hat sie buchstäblich in die Flucht geschlagen Sie wird im Krippenspiel Maria.
Heiliger Abend in 'Bukarest. Geräuschvolle Erwartung, laute Klagen, Streit. Manche sind eingeschlafen, betäubt von Drogen. Es ist kalt, unter null Grad. Einer hat keine Schuhe, andere behelfen sich mit Lumpen gegen die Kälte. Überall kämpfen Helferinnen und Sozialarbeiter um Ruhe und Ordnung, bis die zweihun= dert Sessel in der Sporthalle besetzt sind. Ein Lied wird angestimmt: „0 welch gute Nachricht, in Bethlehem ist der Messias geboren!" Nach und nach fangen alle zu singen an. Das licht geht aus, nur auf der Bühne ist es noch hell. Vor wenigen Augenblicken schien alles ein großer Kampf. Jetzt ist es still geworden.
„Kein Platz mehr! Weg mit euch, das Haus ist voll!", schreit Adrian, so laut er kann. Der zarte Junge spielt den groben Herbergsbesitzer. Maria und Josef ziehen weiter. Sie haben die suchenden und verzweifelnden Blicke der Straßenkinder. Auf die Wand sind Ochs und Esel gemalt; Kinderkunst Darunter lässt sich das Paar nieder, das Kind im Arm. Es ist eine Puppe, weil das für das Spiel vorgesehene Baby eines Straßenkindes nicht zu schreien aufhörte. Immerhin ist der Hund brav, den sie von der Straße mitgebracht haben. Als wüsste er, bei weichem Ereignis er mitmacht Den ganzen Advent über haben wir für das Herbergsspiel geprobt. Es war schwierig, weil jeden Tag andere Schauspieler kamen. Immer neu mussten wir das WeihnachtsevangeÜum lesen. Einmal kam es zum Streit, als ein Bub behauptete, Jesus sei ein Straßenkind gewesen, weil er kein Zuhause gefunden habe. Alina fand, das sei unverschämt, den Heiland so herunterzumachen. „Er ist heilig und nicht so ein Schwein wie du!", verteidigte sie ihr zukünftiges Kind.
Jetzt aber lässt die Puppe in weißen Windeln allen Lärm vergessen. Die Eltern geben dem Kleinen in einem Maß Liebe, wie es nur Kinder können, denen sie immer gefehlt hat. Dann aber will der Vater, dass das Kind ihm das Vaterunser nachspricht Er wird immer lauter, bis Maria einstimmt. Hirten kommen auf die Bühne, mit Straßenhunden, die nur heute ins Haus dürfen. Das dämpft den religiösen Eifer des Vaters wieder und bringt ihn in den Stall von Bethlehem zurück.
Die Hirten sprechen das Gebet, das in Rumänien jedes Kind kennt:
Engel, Schutz in meinem Leben,
mir vom lieben Gott gegeben.
Lass mich bitte nie allein.
Lehr mich, gut und treu zu sein.
Mach mich groß, denn ich bin klein.
Gib mir Mut, um stark zu sein. .
Begleite mich an jeden Ort
Bewahre mich vor bösem Wort.
Lieber Gott, ich danke Dir für den Engel neben mir.
Die Spieler schauen einander an, weil sie nicht glauben können, dass der andere der Engel neben ihnen sein soll. Oder weil sie nicht weiterwissen.
Endlich treten die Engel auf, goldene Flügel auf die Rücken geklebt. Nicht wenige Zuschauer sind unglücklich, weil sie nicht mittun dürfen und kein weißes Gewand bekommen haben. Nun stürzen sich die Engel auf das Kind. Gut, dass es eine Puppe ist; so viel heftige Zuneigung von allen Seiten wäre dem Baby nicht gut bekommen. Die Kinder und Jugendlichen in der eiskalten Sporthalle stimmen ein in den Weihnachtsgesang: „Astazi sa nascut Isus - Heute ist Jesus geboren." Dann folgt „Stille Nacht", auf Rumänisch. Ich staune, wie viele abgerissene Gestalten bei Eiseskälte diese Stunde durchgehalten haben und nicht genug bekommen können von dem, was sie sehen. Obwohl viele groß sind, können sie glauben wie Kinder.
Das warme Essen befriedet die Situation
Nun gibt es etwas zu essen. Tische sind aufgestellt, weiße Tischtücher und goldene Sterne glänzen, die „sarmale" - Krautwickel - dampfen. Jeder wird einen Platz bekommen, auch wenn alle so wild herumlaufen, als würde es nicht reichen. Das warme Essen bringt wieder Ruhe, und wer streitet und schreit, wird mit einer zweiten Portion befriedet. Endlich die Bescherung! Der Mosch Craciun, der Weihnachtsmann, schlurft zwischen den Tischen hindurch zu einem großen Berg aus Schuhen. Ein Freund aus Wien hat zweihundert Paar Winterschuhe gespendet. Jetzt treten die Kinder, Jugendlichen lind Obdachlosen einzeln vor. Jeder bekommt ein Paar Schuhe, große oder kleine, drei Größen gibt es. Bald tanzen oder sitzen alle in neuen Schuhen. Der ganze Saal ist übersät mit den alten stinkenden Schuhen, die sie weggeworfen haben. Unser Fest hat eine neue Duftnote bekommen.
In dieser Nacht werden alle im Haus St. Lazarus schlafen, in den Zimmern und in den Gängen. Ruth Zenkert aus Schwäbisch Hall, seit fünfzehn Jahren die Mutter für unsere Kinder, geht durch das Haus, sichtlich erschöpft, aber glücklich. Das Fest ist nie ausgeartet, der Friede ist immer wieder zurückgekehrt. Nun setzen wir uns im Gemeinschaftsraum
mit den vielen Mitarbeiterinnen und Helfern aus Ost und West zusammen, aus Deutschland, aus Österreich und Rumänien. Solche jungen Leute bauen das neue Europa auf.
Junge Leute bauen das neue Europa auf
Angela aus Ulm hat die Bilder für das Krippenspiel gemalt, gemeinsam mit den Kindern in den Wochen des Advents. Can aus Wien spielt Saxophon und ist der Bandleader in der Heiligen Nacht. Mit selbstgemachten Instrumenten und Trommeln wurden viele beteiligt Volontäre aus Österreich und Deutschland haben einen vierstimmigen Kanon einstudiert: „Meine Hoffnung und meine Freude, meine Stärke, mein Licht, Jesus meine Zuversicht" Mit dieser Melodie und trotz der fremden Sprache haben sie die Herzen erreicht. Die jungen Volontäre lernen schnell Rumänisch, sie werden von den Kindern auch dazu gezwungen, sonst würden sie sich in der Streetwork nicht durchsetzen. In der Küche, bei den Putztruppen, in der Kleiderkammer, in der Waschküche bei den Duschen sind Zivildienstleistende und Volontäre im Einsatz, immer gemeinsam mit rumänischen Erziehern und Kolleginnen. Unsicher, suchend, verwöhnt, manche auch aus Protest gegen Eltern und Wohlstand, so sind sie angekommen. Nach dem Jahr des Einsatzes aber ist keiner mehr wiederzuerkennen. Es hat sie zu Erwachsenen gemacht Mit zwanzig Jahren können sie spüren, dass sie ein Leben retten können, dass sie gebraucht werden, sie erkennen, wie stark Freunde machen und wie tragfähig Freundschaften sind, die aus dem gemeinsamen Einsatz kommen. Die Straßenkinder haben sie danken gelehrt und Dinge, die im Leben wichtig sind.
Aus der Dusche kommen verwandelte Gestalten
Ein zwanzigjähriger Student aus dem Westen erzählt und staunt „Ich lege meinen Arm um ein Kind und es hört zu weinen auf. Ich organisiere für die verdreckten Ankömmlinge das Duschen und sehe verwandelte Gestalten herauskommen. Ängstlich fragen die Kinder: ,Du bist doch mein Vater? Du bist meine Mutter?' Da können wir nicht Nein sagen." Aus biblischer Tradition stammt der Satz, der am Ende des Films „Schindlers Liste" zitiert wird: „Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Weh." Hier wird es zum Lebensgefühl der Jugend. Nach einem Jahr fragen sich alle: Wer hat wem mehr geholfen? Die Wohlstandskinder den Straßenkindern oder die Straßenkinder den Wohlstandskindern?
Solche Begegnungen in der Sozialarbeit haben uns motiviert, ein neues Programm auf die Beine zu stellen. Wir nennen es Ostwind-Westwind, und es ist für Jugendliche aus ganz Europa bestimmt, die einander kennen lernen und helfen wollen. Es ist ein Programm der Freundschaft, die wie der Wind ist: Er weht, wo er will.
Programm Ostwind-Westwind
Das neue Programm Ostwind-Westwind verlangt viel Vorbereitung, Bewerbungen, Auswahlgespräche, Klärung der Motivation, Information über den Einsatz und die Lebensbedingungen und eine gute Begleitung aller jungen Leute, die im Einsatz sind, Erlebnisse, wie sie ihnen bevorstehen, müssen verkraftet werden. Nicht von selbst lernen sie, aus Niederlagen und Konflikten. Auch Rumänisch oder Russisch wollen gelernt werden, da wir jetzt in Moldawien und in der Ukraine eine „Stadt der Kinder" aufbauen.
Es gibt Zeiten, wo man Weihnachten mit dem Begriff Frieden verbindet Doch mir scheint, dass es heute eher um Aufbruch geht. So haben auch die Hirten zu laufen angefangen, hin zur Krippe mit dem Kind, das Schutz und Fürsorge braucht. Sie verkünden, was sie gehört und gesehen haben, so wie die Jugendlichen nach Hause zurückkehren und weitererzählen.
Wo im Wohlstand und im Sozialstaat werden die jungen Menschen gebraucht, wo dürfen, ja müssen sie Hirten sein? Das ist keine Frage, wozu jemand Lust hat, keine Frage der Beschäftigungstherapie, sondern eine der Notwendigkeit Wo werde ich gebraucht, wo muss ich zupacken? Es geht darum, Leben zu retten, das der anderen, aber auch das eigene. Jugend ist sensibel für das Schutzbedürftige und ansprechbar für die Herausforderung, für andere zu leben und da zu sein. Diese Bereitschaft nicht zu übersehen, ist die Aufgabe der Politik und vor allem derer, die mit der Jugend direkt zu tun haben. Heute mehr denn je gilt das pädagogische Prinzip, dass nicht wir für die Jugend etwas machen müssen, sondern dass wir mit ihr und sogar von ihr etwas machen lassen können für uns, für andere. Nur dann werden die jungen Menschen groß, selbstbewusst, stark, widerstandsfähig, mutig.
- Neuß: Grevenbroicher Zeitung |