Grenzgänger
von Hunden und Menschen
Straßenhunde gehören zum Stadtbild von Sofia. Auch in der Umgebung des Jugend- und Sozialzentrums „Sveti Konstantin“ gibt es einige, die ich regelmäßig beobachte. Ich kenne sie und weiß, wo sie hingehören. Das Revier jedes Rudels ist klar abgesteckt. Manchmal gibt es an den Grenzen lautstarke Auseinandersetzungen. Gefährlich wird es aber erst, wenn ein einzelner Hund ein fremdes Revier durchqueren muss. Aber auch dann gibt es einen Trick. Bei Spaziergängen ist es mir schon öfter passiert, dass mich ein Hund ein Stück meines Weges begleitet hat. Erst mit der Zeit habe ich verstanden, dass ich den Hund begleitet habe, damit er ungeschoren durch ein fremdes Gebiet marschieren kann.
Ich bin seit Mitte September in Sofia. Wir sind ein gemischtes Team aus Bulgarinnen und ÖsterreicherInnen, Volunteers und Angestellten. Vor allem in den ersten Wochen waren wir Dschuschdenetzi (Ausländer) wie blind und unsere Bulgarischen MitarbeiterInnen mussten uns überall hin begleiten. Mittlerweile kennen wir uns in Sofia, einer zwei Millionenstadt, die „wächst aber trotzdem nicht altert“, so ein Slogan, gut aus.
In den ersten Monaten ging es für mich vor allem darum, die richtige Perspektive zu finden und meinen Blick zu schärfen. Ich habe geschaut, wo mir in der Stadt Jugendliche in Not begegnen. Das war gar nicht so einfach, wahrscheinlich weil ich es gewohnt war, solche Menschen zu übersehen. Mit der Zeit hatte ich ein Auge dafür. Bei manchen war es schon an der Kleidung abzulesen, dass sie auf der Straße oder in Abbruchhäusern leben. Andere hatten sich gut getarnt. Da musste man schon genauer und länger hinschauen.
Georgi war der erste, der mir aufgefallen ist und der mich angesprochen hat. Er lebt schon einige Monate auf der Straße. Eine Möglichkeit, sich in den kalten Winternächten vor der Kälte zu schützen, sind Hunde. Georgi hat sich wahrscheinlich bei einem dieser Hunde mit dem Hundebandwurm infiziert. Als ich ihn kennen gelernt habe, war er völlig abgemagert und krank, weil sich die Larven bereits in seiner Lunge eingenistet hatten. Georgi wohnt seit zwei Monaten bei uns. Mit Hilfe des Roten Kreuzes haben wir teure Medikamente besorgt. Die letzte ärztliche Untersuchung war erfreulich. Seine Lunge schaut wieder besser aus.
Andere Jugendliche sind es gewohnt ihren Lebensunterhalt aus Abfällen heraus zu fischen. Sie wissen ganz genau wo sie für Altmetall, Plastik, Karton, ein paar Stotinki (Cent) bekommen. Meistens haben sie ein Gefährt, zum Beispiel einen ausrangierten Kinderwagen auf dem sie ihre Altwaren sammeln und zu einer Abgabestelle bringen. Ihre schmutzige Kleidung und ihre von Schrunden durchzogenen Hände lassen erkennen, womit sie ihren Lebensunterhalt bestreiten.
Einige Jugendliche sind an belebten Kreuzungen und Einkaufsstraßen zu finden. Sie betteln. Sie verstehen ihr Handwerk. Paraskeva hat sich mit einer Decke, unter der ihre bloßen Füße heraus geschaut haben, auf den Gehsteig der Löwenbrücke gelegt, davor eine Schachtel mit ein paar Münzen. Am Abend als wir in der Nähe Tee verteilt haben, hatte sie ihre Turnschuhe wieder angezogen und machte einen recht fröhlichen Eindruck. Manche der Jugendlichen greifen beim Betteln zu drastischeren Mitteln. Sie fügen sich selber Wunden zu oder ritzen bestehende Wunden immer wieder auf.
Viele dieser Jugendlichen wohnen inzwischen bei uns oder schauen regelmäßig vorbei. Einige haben bereits eine Arbeit gefunden und versuchen mit unserer Hilfe neu anzufangen. Wir unterstützen sie so weit es geht. Die Gemeinschaft im Haus lässt sich mit einer großen Familie vergleichen. Die Jugendlichen kennen sich zum Teil schon sehr lange. Sie sind in denselben Heimen aufgewachsen. Das Leben auf der Straße hat sie gelehrt, dass sie um ihre Existenz kämpfen und ihren spärlichen Besitz mit den Zähnen verteidigen müssen. Das setzt sich auch im Jugendzentrum fort. Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es daher, zu vermitteln. Manchmal stellt sich heraus, dass einem Streit um eine Hose ein Konflikt zu Grunde liegt, der schon Monate andauert.
Anfangs schien mir die Sprache beim Schlichten dieser Streitereien als ein Hindernis. Mittlerweile sehe ich es als eine Chance, weil in der Kommunikation noch ein Zwischenschritt nötig ist. Jemand muss mir die Details übersetzen. Für die Jugendlichen heißt das erstens, dass ihre Situation so wichtig ist, dass sie Wort für Wort übersetzt wird, und zweitens sie müssen sich auch die Position ihres Gegenübers genau anhören. Für uns Mitarbeiter hat das Übersetzen den Vorteil, dass wir mehr Zeit haben, um uns einen Vorschlag auszudenken, der beide Seiten zufrieden stellt.
Wichtig scheint mir auch, dass die Auseinandersetzung nicht in aller Öffentlichkeit geschieht, sondern im geschützten Rahmen. Wir gehen mit den beiden Jugendlichen, die sich in die Haare geraten sind, in eines der Büros. So verliert niemand sein Gesicht.
Eigentlich wäre unser Zusammenleben im Jugend- und Sozialzentrum „Sveti Konstantin“ sehr einfach. Dank der Hilfe vieler Spender ist hier für das Wichtigste, nämlich Unterkunft, Kleidung, medizinische Betreuung und Verpflegung gesorgt. Ich versuche das den Streithähnen immer wieder verständlich zu machen. Leider geht es nicht von heute auf morgen.
Einige der Jugendlichen haben die Chance, die ihnen hier geboten wird, bereits ergriffen. Sie setzen sich für die Gemeinschaft und für jene, die uns am meisten brauchen, ein. Sie beten das bulgarische Tischgebet vor oder übernehmen verschiedene Dienste im Haus. Sie korrigieren unser fehlerhaftes Bulgarisch oder führen uns zu den Abbruchhäusern, in denen andere Jugendliche übernachten. So sind es nicht mehr nur wir, die sie begleiten, sondern sie begleiten und beschützen uns, in einem Land, das hoffentlich für uns alle immer mehr ein Zuhause wird.
Markus Inama SJ
2009-03-09 |